Der mystische Charakter des Alten
Jun 16th, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, In Zeitschriften veröffentlicht, KulturanalyseArtefakte schätzen wir nur, wenn sie “echt alt” sind. Dabei wäre selbst eine perfekt gemachte Kopie viel preiswerter. Wofür zahlen wir also das viele Geld?
Schön und wertvoll: die Bronzestatue des Auguste Rodin. Doch zahlt man wirklich nur für die Schönheit?
Angenommen, ein Mann hat eine antike Bronzestatue aus dem 15. Jahrhundert erworben. Ein Gutachten bestätigt es ihm. Später stellt sich beispielsweise durch eine wissenschaftliche Prüfung heraus, dass die Statue eine gekonnte Fälschung ist, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Statt einer antiken Statue hat der Mann eine zwei Jahre alte Nachbildung erworben, zum stolzen Preis von 100.000 Euro.
Ohne das Ergebnis der Echtheitsanalyse würde er noch immer Gefallen an seinem Kauf finden und fände auch den hohen Preis gerechtfertigt. Äußerlich hat sich an der Statue nichts geändert, dennoch spricht er jetzt von einer Fälschung, erstattet Anzeige wegen Betrugs und findet, dass das Ding nicht mal 100 Euro wert sei. Doch wofür hat er eigentlich so viel Geld bezahlt? Für das Objekt allein kann es nicht sein – die Statue beharrt jenseits von falsch und wahr in ihrem physikalischen Zustand. Verändert hat sich lediglich das Wissen des Käufers, das er von dem erworbenen Objekt hat.
Welchen zusätzlichen Wert erhält ein Gegenstand, wenn er als “echt alt” gilt? Warum ist manch 50 Jahre alte Kaffeemühle mehr wert als eine neue? Warum kostet ein Schreibtisch aus dem 18. Jahrhundert mehr als ein neuer? Preistheoretisch könnte man antworten, dass die Nachfrage für solch seltene Gegenstände höher ist als das Angebot, doch bleibt die Frage, warum alte Gegenstände in unserer westlichen, kapitalistisch orientierten Gesellschaft so begehrt werden? Was verleitet den Homo oeconomicus, der dazu neigt, nutzenorientiert zu handeln nun, für das Prädikat des “echt alten” mehr Geld hinzulegen?
Die Fälschung reproduziert zwar den Gegenstand, im besten Falle so, dass er vom Original nicht mehr zu unterscheiden ist, hat aber einen entscheidenden Mangel: Sie hat keine Geschichte. Die Geschichte der Bronzestatue beginnt mit ihrem Entstehen als Artefakt, als in Form gebrachte Materie, und zieht sich dann fort von Besitzer zu Besitzer. Geschichtlich wird das Objekt allerdings erst dann, wenn seine Genealogie auch dokumentiert wird. Zwei Dinge bestimmen die Geschichtlichkeit eines Objekts: Wer es geschaffen hat und wer es besessen hat. Bei Kunstobjekten wie der kürzlich von Christie’s versteigerten Odalisque von Matisse steht der Künstler im Vordergrund, während bei einer silbernen Tabakdose aus dem Besitz Louis XIV. der Besitzer im Vordergrund steht.
Bei einer prähistorischen Statuette rücken sowohl der Künstler, der das Objekt geschaffen hat, als auch die Besitzer in den Hintergrund. Was bleibt, ist die bloße Vorstellung, dass die Statuette Zeuge einer vergangenen, längst überholten Kultur ist. Die Dokumentation ihrer Geschichte wird dann durch einen Experten besorgt. Deshalb kann es auch passieren, dass zufällig gefundene Gegenstände jahrelang unentdeckt auf irgendeinem Schreibtisch als Briefbeschwerer dienen, bevor sie ihren Weg in ein Museum oder in ein Auktionshaus finden.
Die anerkannte dokumentierte Geschichtlichkeit eines Objekts drückt aus, ob es sich um einen echten Gegenstand handelt oder um eine Kopie. Taucht nun eine äußerlich identische Fälschung auf, wird klar, dass nicht der Gegenstand an sich eine Fälschung darstellt, sondern erst der Anspruch der Kopie auf die Geschichte des Originals. Der Käufer einer prähistorischen Statue erwirbt zwar den Gegenstand, bezahlt aber hauptsächlich für dessen anerkannt dokumentierte Geschichte. Doch Geschichte ließe sich wesentlich günstiger nachlesen, ohne dass man dafür viel Geld bezahlen muss. Warum boomt das Geschäft mit den “Originalen” und mit den “echten” Objekten gerade in unserer westlichen Konsumgesellschaft?
Der Erwerb eines Objekts geht in der modernen marktwirtschaftlichen Gesellschaft weit über das Prinzip der Nützlichkeit hinaus. Der “mystische Charakter der Ware”, so formulierte es Karl Marx, geht nicht aus seinem Gebrauchswert hervor, sondern wird ihm von außen zugetragen. Werbestrategen haben das schon lange erkannt und verkaufen mit den Produkten gleichzeitig einen gewissen symbolischen Wert, mit dem sich der Käufer identifizieren soll. Grundlegend für diese symbolische Wertzuschreibung ist jedoch eine psychologische Eigenart des Menschen: Der Käufer sieht sich zu einem gewissen Teil in dem erworbenen Gegenstand verwirklicht. Das Objekt ist die vorübergehende Befriedigung des Konsumenten, der sich selbst nie genug ist. Psychologisch gesehen ermöglicht der erworbene Gegenstand, dass er sich selbst existenziell bestätigt fühlt – jedenfalls für einen Augenblick und so lange, bis es ihn erneut in die Konsumschleife treibt. Der konsumierende Mensch wird von seinen Objekten in dem gleichen Maße besessen, wie er diese besitzt.
Welchen Gefallen findet er nun daran, einen Gegenstand zu besitzen, der seine eigene Geschichte hat? Worin liegt der Reiz, eine “echt” antike Statue zu kaufen und dafür wesentlich mehr Geld auszugeben als für eine identische, neue? Reicht eine gut gemachte Kopie nicht aus, um die Vorstellung zu beflügeln, dass die Gestalt dieser Statue Jahrtausende durchwandert hat? Welche Besonderheit kommt dem Echten zu, dass es solche Begehrlichkeiten weckt?
Die Identifikation mit dem erworbenen Objekt zielt bei dem Echten nicht auf den Gegenstand, sondern auf dessen Herkunft. Man kann sich nicht mit der Geschichte eines Gegenstands identifizieren, wenn diese ein Produkt der eigenen Vorstellung ist. Durch den Erwerb des echten Gegenstands reiht sich der Käufer selbst in die Geschichte dieses Gegenstands ein. Der Käufer hinterlässt nun selbst eine geschichtliche Spur und erhält seinen Platz in der Genealogie des Gegenstands. Der Besitzer wird Mitglied der Familie im Stammbuch des Gegenstands.
Über die Identifizierung mit dem Gegenstand wird der Besitzer sozusagen in den Adelsstand erhoben. Denn auch Adel ist keine biologische Tatsache, keine Angelegenheit des Bluts, sondern die anerkannt dokumentierte Geschichte einer Familie und ihres gesellschaftlichen Status zu einer bestimmten Zeit. Biologisch gesehen stammt jeder Mensch aus einem “alten” Geschlecht. Jeder lebende Mensch ist sein eigener Zeuge. Doch nicht jeder kann seine Herkunft dokumentieren. Belegt wurden häufig nur die Daten der Würdenträger einer Gesellschaft. Das einfache Volk ging namenlos in den Wirren der Geschichte unter. Ein trivialer Gegenstand kann dagegen durch seine Dauer Jahrhunderte später zum heiß begehrten Zeitzeugen werden, wenn ihn ein Experte in den Adelsstand hebt. Eine Karriere, an der sein Käufer teilhaben will.
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