Der Teddy und die Vernunft

Jun 19th, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, Philosophie

TeddyJulius Ebbinghaus war ein überzeugter Rationalist und ein Gegner jeglichen Aberglaubens. Umso unerklärlicher ist daher die Entdeckung, die nach dem Tod des Philosophen bekannt wurde: ein Teddy, der sein Leben lang unter seinem Kopfkissen gelegen hatte. Wie passt eine solche Geste in das Weltbild eines rationalistischen Philosophen beziehungsweise in unser eigene Vorstellung von Rationalität.

Der Philosoph und Psychologe Julius Ebbinghaus war ein überzeugter Anhänger der Kantischen Philosophie. Die Natur ist für den Menschen nur in den Formen möglich, die ihm sein Denk- und Wahrnehmungsvermögen vorgibt, währenddessen der Mensch moralische Sätze aus seinem eigenen Denken finden kann. Die Selbstbestimmung des Menschen und der daraus sich ergebende Grundsatzsatz der Freiheit sind das Fundament einer Welterklärung, die nach Vernunftprinzipien geschieht. Julius Ebbinghaus verabscheute jeglichen Aberglauben und seiner versteckten Anwendung im Rechtssystem. Er war wie Kant auch ein Verfechter der Todesstrafe.

Die Arbeit und Verdienste des Philosophen Julius Ebbinghaus sind zweifellos eine der wichtigsten der nachkantianischen Philosophie, der im Unterschied zu anderen Kantinterpreten den Königsberger Philosophen wieder stark machte.

Was aber das Marburger Kindheitsmuseum als Schatz hütet, wirft ein anderes, sehr menschliches Licht auf den Marburger Philosophieprofessor. In der von Efeu umrankten Villa enthält das Spielzeugmuseum in Marburg einen Teddybär. Das abgegriffene und ausgefranste Plüschtier hat mit seinen Knopfaugen nicht nur dem Kind Julius Ebbinghaus als Begleiter gedient, sondern lag sein Leben lang unter seinem Kopfkissen. Wenn der Philosoph schlafen ging, dann war auch sein Teddy schon unter dem Haupt des Denkers. Selbst als der 1885 geborene Professor 1981 starb, lag sein Teddy in seinem Sterbebett. Ersatzobjekt, Souvenir oder ist der Teddy des Philosophen symptomatisch für die Unvereinbarkeit von Denken und Fühlen?

Der Frage, warum ein Philosophieprofessor und ausgeprägter Rationalist an einem Teddybären festhält, den er vor dem Schlafengehen unters Kopfkissen legt, geht eine andere voraus: Warum scheint uns diese Geste seltsam, wenn nicht sogar störend von dem Bild, das wir von einem Philosophieprofessor haben?

Julius Ebbinghaus, der zudem auch noch studierter Psychologe war, hatte sicherlich keine rationale Erklärung für seine Geste. Wozu auch. Die Tatsache, dass er besser schlief oder es ihn sonst irgendwie beruhigte, wenn der Teddy unter seinem Kopfkissen lag, benötigt keine sprachliche Erklärung, sondern drückt einfach nur ein désir, einen innigen Wunsch aus, der nicht nur gar keiner sprachlichen Vermittlung bedarf, sondern darüber hinaus vom Philosophen Ebbinghaus gar nicht erklärbar ist. Diese kindlich anmutende Geste ist in psychoanalytischer Terminologie der nicht aufgehende Rest, der jeder symbolischen Erklärung oder sprachlichen Fassung der Realität entschlüpft. Eine Umstand, der weniger dem Ausdrucksvermögen des Philosophen zugeschrieben werden kann, als vielmehr der Sprache selbst.

Es ist genau der Mangel der Sprache, Realität nicht als Ganzes fassen zu können, die Sprache erst ermöglicht. Der Begriff eines Baumes ist eben nicht das exakte Abbild des realen Baumes wie wir ihn wahrnehmen. Wenn wir von einem Baum sprechen, so ist dies immer eine Kontur, die das Wesen umreißt und die dazu dient, dem Anderen verständlich zu machen, was wir meinen. Es bleibt immer eine Lücke zwischen Sprache und Realität. Dieser unbenennbare Überschuss des Realen entgeht auch dem Philosophen, deren Aufgabe ja gerade darin besteht, die Welt begrifflich zu ordnen, das heißt in einen symbolischen Zusammenhang zu bringen.

In der rationalistischen Symbolisierung des Philosophen spielt das eigene Begehren die Rolle eines notwendigen Antagonisten. Ganz im Sinne seines Lehrmeisters Kant, ist für Ebbinghaus das désir, das Begehren eine notwendige Triebfeder des Lebens, die aber nichtsdestotrotz erst durch die Vernunft gezügelt und dadurch auch begrifflich seinen Platz im Denken erhält. Der Ort, an dem das widerspenstige Reale den Denker heimsucht, ist das begehrende Subjekt selbst, der Denker mit seinen Ängsten, undefinierbaren Gefühlen und Begierden. Es ist an dieser Stelle bezeichnend, dass der Rationalist Julius Ebbinghaus seinen Teddy unter seinen Kopf gelegt hat, wo er ein Leben lang bleiben durfte. So als müsste der unbenennbare Rest des Realen in Form eines Teddys in unmittelbarer Nähe zur Vernunft des Philosophen schlummern.

Aber ist der Teddy von Julius Ebbinghaus nicht symptomatisch für die modernen westliche Gesellschaften, die trotz ihrer kapitalistischen und wissenschaftlichen Kultur etwas Irrationales und wissenschaftlich Unhaltbares in sich trägt und pflegt? Die kulturelle Geste der Religion liegt doch genau darin begründet, das Reale nicht zu erklären, sondern es als Mysterium zu benennen. Vielleicht ist der letzte Akt zu einer Gesellschaft, in der Neurowissenschaften, Gentechnologie und Teilchenphysik allein bestimmende Prinzipien des Denkens sind, dass eine neue Wissenschaft hervorgebracht wird, die aufdeckt, was die anderen verschleiert haben: eine Wissenschaft der Teddybären und unerklärten Gesten.

(Mail von Frau Hyams, Kindheitsmuseum: hyamshu@hotmail.de)
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