Die Geldmacht
Aug 21st, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, Staat & Macht
Wie kam der Mensch eigentlich zum Geld?
Geld ist nicht nur eine Erfindung, die den Tauschhandel unter Menschen erleichtert. Geld ist der Ausdruck dafür, dass die Beziehung der Menschen untereinander an sich existiert. Der berechtigte Einwand, der an dieser Stelle sofort kommt, wäre: wenn es also kein Geld mehr gäbe, dann hätten die Menschen auch keine Beziehung mehr untereinander, ähnlich wie Wasseratome ihre Struktur verlieren, wenn Eiskristalle schmelzen. Aber genauso wie flüssiges Wasser, das erneut eingefroren wird, die geordnete Atomstruktur wiederfindet, bleibt auch die Beziehung zwischen den Menschen bestehen. Geld ist, wie Hegel es sagen würde, der sich selbst bewusst gewordene Begriff menschlicher Beziehung. Es ist die abstrakte Form, dass Menschen keine Einzelwesen sind, sondern miteinander vernetzte Wesen sind. Die Abhängigkeit jedes einzelnen vom anderen ergibt für den einzelnen Menschen kaum Sinn. Das einzelne Subjekt sieht sich als ganze körperliche Einheit, als „Cogito ergo sum“, als geschlossenes Bewusstsein, das von sich behaupten kann, dass es auch sehr gut ohne den anderen kann. In dieser Selbstsicherheit hat der Einzelne auch kein Problem damit, dass er Geld als etwas Wertvolles ansieht. Doch ist Geld überhaupt etwas wert?
Wie würde ein Außerirdischer, der auf die verlassene Erde kommt und in einer Bank Tonnen von bunten Papierchen, Geldmünzen und eine gewisse Anzahl von Edelmetallen vorfindet, reagieren? Wahrscheinlich hätte der Außerirdische dasselbe natürliche Verhältnis zu diesen Papierchen wie jemand, der einen Geldschein einer anderen Generation in Händen hält, der heute nichts mehr wert ist. Wenn wir also von Wert sprechen, den ein Gegenstand haben soll, so ist es das Begehren, das ein Mensch zu diesem Ding entwickelt. Wer gibt nun aber dem Geldschein oder dem Goldbarren seinen Wert? Ein Geldschein ist wohl kaum als Gegenstand begehrt und ein Stück Metall, auch wenn es sehr selten und schwierig zu finden ist, wird nicht automatisch zum Objekt des Begehrens. Beim Geldschein fällt es leichter, festzustellen, dass dieser nur ein bunt bedrucktes Papier ist. Es ist nur deshalb etwas wert, weil andere dieses Papier ebenso für begehrenswert halten. Anders ausgedrückt heißt dies: die Bedeutung, die wir dem Geld zumessen, geht nicht von uns aus, sondern hängt von dem Anderen ab. Erst sein Begehren gibt dem bunten Papierschein, der Metallmünze oder dem Edelmetall den Reiz, der es für mich begehrenswert macht.
In diesem wechselseitigen Begehren steht das Objekt als Platzhalter, dass der Andere nötig ist, um selbst begehren zu können. Es ist der imaginäre Punkt, in dem sich das Begehren von mehreren Subjekten schneiden. Je mehr Linien den imaginären Punkt des Begehrens durchlaufen, desto begehrter ist das Objekt. Viele wollen eine seltene Sache haben, die ihnen einzigartig erscheint oder zumindest schwer zugänglich. Dieser Schnittpunkt ist der Wert. Wie willkürlich dieser Gegenstand sein kann, zeigt, dass in der Geschichte zum Beispiel Salz oder seltene Muscheln als „Geld“ verwendet wurden. Der Mythos, dass Gold einen Wert enthält oder durch seine physische Beschaffenheit höchst begehrenswert ist, verläuft sich im Sande, wenn man sich vor Augen hält, dass dieses Metall seine Anziehung verliert, wenn sich niemand mehr dafür interessiert, wenn man seine Tomaten, Gurken oder Kaffeebohnen nicht mehr hergibt für ein Stück glänzendes Metall. Wenn niemand mehr Gold will, dann wird Gold wieder das, was es eigentlich ist: ein bloßes Metall. Gold ist erst später in die Riege der begehrten Objekte aufgestiegen als es schon so etwas wie Geld gab. Ein Gegenstand, der einen abstrakten Wert hatte und den man wiederum gegen andere Gebrauchsgegenstände eintauschen kann. Ohne die Möglichkeit den Gegenstand erneut eintauschen zu können, verlöre dieses Objekt jeglichen Reiz.
Aus diesem Grund musste es ein Gegenstand sein, der selbst haltbar ist und der selbst selten in der Natur vorkommt. Die Tatsache, dass Gold selten ist, machte es zum idealen Tauschmittel. Allerdings ist noch immer nicht geklärt, wozu der Mensch überhaupt „Geld“ braucht und in welcher Form dieser scheinbare harmlose Einsatz eines Hilfsmittels, eine ganze Gesellschaftsform prägte.
Warum also Geld?
Die Funktion, die Geld erfüllt ist denkbar einfach. Versucht man einmal eine Kuh gegen Gurken zu tauschen, so stellt sich die Frage nach dem Tauschverhältnis. Der Besitzer der Kuh wird bei einem Tausch 1:1 aufmurren und berechtigt einwenden, dass ja seine Kuh viel länger braucht, um groß zu werden. Zudem verspeist eine Kuh bis sie groß wird eine Unmenge an Grünzeug. Der Aufwand um eine Kuh großzuziehen ist größer als derjenige für eine Gurke. Die Frage ist nun, wie viel Gurken muss der Besitzer der Gurken hergeben, dass er eine Kuh erhält? Ein weiteres Problem ergibt sich, dass der Kuhbesitzer vielleicht die Menge der Gurken bestimmen kann, aber was macht er dann zum Beispiel mit 500 oder 1000 Gurken? Wenn er es nicht schafft sie gegen etwas anderes zu tauschen, verderben sie. Er muss also auch darauf achten, dass er über die Dinge, die er gleich verzehrt, Tauschgegenstände erhält, die sich konservieren und gegebenenfalls weitertauschen lassen. Der Tauschhandel ist bei einer Vielfalt von Waren und Marktteilnehmern umständlich und führt dazu, dass der Tauschhandel kaum oder gar nicht geschieht. Die Arbeitsteilung bringt es aber mit sich, dass ein Hersteller nicht mehr alle Dinge herstellt, die er selbst zum Leben benötigt. Er tauscht also die Gegenstände ein, die er am Besten herstellen kann. Die Erfindung eines universalen Tauschmittels ist schon so alt wie die ersten Zivilisationen. Man schätzt, dass die erste Bank im Jahre 3000 v. Chr. in Ägypten auftauchte. Die Notwendigkeit eines universalen Tauschmittels ergab sich aus den unlösbaren Bewertungsproblemen des Tauschhandels.
Es gab für die Menschen nun zwei Möglichkeiten: erstens sie verzichteten auf den Tausch oder betrieben ihn nur im kleinen Rahmen und blieben Selbstversorger, indem sie alles selbst erzeugten, was sie zum Leben brauchten oder zweitens sie fanden einen Ausweg, ihre spezialisierte Herstellung von Gegenständen aufrechtzuerhalten und den Tauschhandel praktikabler zu gestalten.
Legt man diese Hypothese einer menschlichen Entwicklung einmal zugrunde, so lässt sich daraus ein einfacher Satz formulieren. Der Mensch steht mit anderen Menschen in Beziehungen. Eine dieser Beziehungen ist der Tauschhandel, wobei der Tauschhandel eine gegenseitige Abhängigkeit erzeugt, da ein Hersteller eines Dinges darauf angewiesen ist, dass der andere ebenfalls produktionsfähig bleibt, denn ohne diesen kann auch dieser seine hoch spezialisierte Produktion nicht mehr aufrechterhalten. Komplizierter wird dieses Szenario, wenn nun mehrere Hersteller das gleiche produzieren und in einem Konkurrenzverhältnis stehen. Derjenige, der seine Ware (davon ausgehend, dass sie gleichwertig sind) zum günstigsten Tauschgegenwert anbietet, ist der begehrteste Tauschpartner. Steigt die Anzahl der Teilnehmer im Handel, wird es schwierig für jeden unter ihnen, sein Produkt angemessen zu bewerten.
An dieser Stelle einigen sich die Teilnehmer, dass sie ein universales Tauschmittel einsetzen. Dies muss etwas sein, was für alle gleich selten und gleich schwer zugänglich ist und in einer primitiven Version können die Teilnehmer dieses Universaltauschmittel mit einem Zeichen versehen (z. B. der Kopf eines ihrer Mitglieder, eine Gottheit oder ein Symbol). Der Sinn dieses Universaltauschmittels ist denkbar einfach. Man kann seinen Gegenstand, den man produziert hat, hergeben und erhält dafür eine bestimmte Menge des Universaltauschmittels. Mit diesem Universaltauschmittel kann er dann wiederum bei einem anderen Teilnehmer Dinge tauschen, nur dass er jetzt nicht mehr über die Art des Tauschgegenstandes verhandeln muss, sondern nur noch über die Menge des Universaltauschgegenstandes. Aber wie weiß der Hersteller von Tontöpfen wie viel sein Topf wert ist? Gar nicht. Die Idee eines Wertes ergibt sich für ihn erst, wenn er seine Töpfe für zu wenig Universaltauschmittel hergegeben hat und er ohne Töpfe da sitzt, obwohl diese noch nachgefragt werden. Beim nächsten Mal wird er mehr verlangen und er wird die geforderte Menge des Universaltauschmittels so lange erhöhen bis er etwas mehr produziert hat als verkauft. Die Menge, die sich bei dieser Menge des Universaltauschmittels einpendelt, ist der Preis und das Universaltauschmittel ist nichts anderes als die Form, die wir alle kennen: Geld.
Dieses überschaubare Szenario von Akteuren setzt einen relativ kleinen und übersichtlichen Markt voraus. Ein Dorf, vielleicht eine Region.
Der Haken liegt in der stillschweigenden Voraussetzung, dass alle Teilnehmer das Universaltauschmittel akzeptiert haben. Sie haben sich auf ein Universaltauschmittel geeinigt. Doch genau diese Annahme ist mehr als fragwürdig. Im idealen Markt sind die Akteure auch gleichzeitig Hüter des Tauschmittels, das heißt der gemeinsam vereinbarten Tauschwährung. Dieser Zustand setzt voraus, dass die Teilnehmer am Markt aus Vernunftgründen einen solchen künstlichen Gegenstand wie das Geld einführen. Vernünftig deshalb, weil jeder einzelne weiß, dass durch das gemeinsame Geld ein Tauschhandel in Gang gebracht werden kann, der für alle Vorteile bringt. Nun diese Idealsituation setzt eine homogene Machtstruktur voraus. Die Machtverhältnisse werden einzig begrenzt durch die gegenseitige Abhängigkeit und die Erkenntnis, dass durch einen funktionierenden Tauschhandel, mit Hilfe des Universaltauschgegenstandes Geld, es jedem besser geht. In dieser Welt hat keiner die Macht, Herr über dieses Universaltauschmittel zu sein. Denn wer alleiniger Herr über das Universaltauschmittel ist, der bestimmt auch, wer was besitzt und wer wie viel zum Tauschen hat.
Der Idealmarkt mit seiner homogenen Machtstruktur bei der die Teilnehmer auch gleichzeitig die Rahmenbedingungen setzen, wäre eine demokratische Marktwirtschaft.
Durchgesetzt hat sich jedoch eine andere Version. Die Marktteilnehmer bestimmen nicht über die Rahmenbedingungen des Handels, sondern eine dritte Macht ist Herr über das Universaltauschmittel. Jedenfalls ist es nicht mehr die Gesamtheit der Marktteilnehmer, die an der Setzung und Veränderung der Rahmenbedingungen beteiligt sind, sondern es sind bestenfalls wenige, eventuell dominierende Vertreter ihrer Branche, die nun auch über die Beschaffenheit des Universaltauschmittel und die Rahmenbedingungen des Handels bestimmen.
Dieser Dritte Akteur ist die Bank.
Die Bank
Wenn als Universaltauschmittel relativ seltene Materialien wie Gold verwendet werden, die dazu noch die Eigenschaft haben, beständig und widerstandsfähig zu sein, ist eine Erhöhung der Geldmenge schwierig. Will die Bank als dritter Akteur die Investition eines Unternehmers finanzieren, muss sie entweder Gold ankaufen oder selbst die Schürfrechte für dieses Metall besitzen. Die Geldmenge ist in diesem Fall limitiert und hängt von dem natürlichen Vorkommen von Gold ab. Der Handlungsspielraum einer solchen Bank ist daher auch beschränkt solange sie nur über eine quasi natürlich beschränkte Geldmenge verfügen kann. Wenn aber die Geldmenge nicht mehr limitiert ist und von einzelnen Akteuren oder bestimmten Gruppen festgelegt werden kann, bringt den dritten Akteur in der globalen Masse der Marktakteure in eine Position, in der er über seine Rolle als Garant des „Universaltauschmittels“, Macht auf die einzelnen Akteure ausüben kann. Schließlich ist es dieser alleine, der Geld schaffen (Geldschöpfung) oder Geld aus dem Markt entziehen kann (Geldvernichtung). Es sind die Banken oder genauer gesagt die Bankiers, die entscheiden, wer und vor allem wie viel Geld jemand erhält. Wem schenkt die Bank Glauben (im Sinne von credere=glauben, anvertrauen), wer verdient es sozusagen, dass man ihm einen „Kredit“ gewährt? Von diesen einfachen Kreditrichtlinien, von den einzelnen Entscheidungen, ob jemand für eine Projekt einen Kredit bekommt oder nicht, hängt schließlich auch ab, welchen gesellschaftlichen Platz er einnehmen wird bzw. welchen Platz man ihm zugewiesen hat. Die Geldpolitik ist somit ein im staatliche Gefüge immanentes Mittel Werkzeug der Machtausübung. Wenn die Banken mehr Kredite vergeben, wird mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt. Das heißt, dass die begünstigten Akteure, die vom Geldsegen profitieren, mehr Güter nachfragen können. Wenn nun zuviel Geld im Umlauf ist, können theoretisch mehr Güter nachgefragt werden als vorhanden sind. Dies bedeutet, dass für ein Gut dann mehr Geld bezahlt werden muss, weil jeder Anbieter für seine begrenzten Güter mehr Nachfrager hat als Güter. Die Konsequenz ist: der Wert des Geldes sinkt. Es kommt zur Aufblähung der Geldmenge: Inflation. Eine Erhöhung der Geldmenge bedeutet also auch eine Erhöhung des Vertrauens, dass mit dieser Geldmengenerhöhung eine Erhöhung der produzierten Güter einhergeht. Wenn das Wachstum aber ausbleibt, gibt es einen Überschuss an Vertrauen, Kredite, die nicht zurückbezahlt werden und zu einem unverhältnismäßigen Anstieg der Geldmenge führen. Zu viele Akteure (es können auch wenige sein) können Güter aus der Produktion der Volkswirtschaft nehmen. Ihnen ist wörtlich die Geldmacht verliehen worden, eine bestimmte Menge an Gütern nachzufragen. Im schlimmsten Falle haben diese Akteure Wagenladungen von Geld, aber stehen vor leeren Regalen. In diesem Extrem ist das Geld nichts mehr wert.
Das Wachstum der Menge der produzierten Güter in einer Volkswirtschaft muss der Geldmenge angemessen sein. Nun ist es aber so, dass die Bank Geld nicht einfach verleiht und darauf hofft, dass das Projekt des Kreditnehmers Früchte trägt und der Volkswirtschaft mehr Güter zugeführt werden, sondern die Banken wollen für das Verleihen von Geld noch einen Zusatz: Zinsen. Ist die Bank nicht eine Art Dienstleister im Sinne der Volksgemeinschaft? Wozu Zinsen? Wäre nicht ein Geldsystem denkbar, in welchem weder der Sparer einen Zins für seine Einlagen bekommt noch der Kreditnehmer Zinsen bezahlen muss? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Eigenschaft der Bank selbst. Sie ist nicht nur Verwalterin eines „Universaltauschmittels“, sie ist keine Institution, die für das Funktionieren der Tauschgesellschaft zu sorgen hat, sondern sie ist im Zenit der Macht, sie ein Akteur des Marktes. Ihre Machtposition verdankt sie dem Recht, dass sie über die Geldmenge bestimmen kann. Bezeichnend für diese Macht sind die Zentralbanken. Wer in einem Land also bestimmt, wer Kredite bekommt und wer nicht, hält auch die Macht in Händen. Anders ausgedrückt: wer über das Geldsystem herrscht, macht auch die Gesetze eines Landes.
Die meisten Kreditsysteme sind privat organisiert. Das Wachstum und die Entwicklung eines Landes hängen zum Teil von den Interessen von nur wenigen ab. Überspitzt formuliert kann man auch sagen, dass die Überzeugungen einer Regierung, die politischen Diskurse und die freie Meinung völlig unerheblich sind: entscheidend ist wer die Geldmenge bestimmt.
Das Verleihen von Geld gegen Zinsen hat die Nebenwirkung, dass derjenige, der einen Kredit erhalten hat, immer mehr zurückbezahlen muss als was er erhalten hat. Die meisten Menschen empfinden dies als eine normale Angelegenheit. Diese Praxis wird von keinen in Frage gestellt. Eine Bank verleiht Geld nur gegen Zinsen. Dieses Dogma durchzieht die gesamte Wirtschaft wie ein Glaubensbekenntnis. Was aber geschieht, wenn jemand einen Kredit erhält? Er verschuldet sich. Für jeden Euro, Dollar oder was auch immer auf die Papierblättchen gedruckt ist oder im Computer neben dem Betrag steht, muss der Schuldner mehr bezahlen. Die nächste Frage ist, wer die erforderliche Geldmenge für die Zinsrückzahlung aufbringt? Diese kann nur von den Banken selbst aufgebracht werden. Aus diesem Grund erhöht sich mit jeder Kreditvergabe die Geldmenge und die Marktakteure sind gezwungen immer mehr an „Gütern“ zu produzieren, um dem Aufblähen der Geldmenge entgegenzuwirken. Die extreme Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass die Akteure an die Grenze des Wachstums gelangen und den Zins der Banken nicht mehr bezahlen können. Der Verschuldungsgrad steigt mit jeder Einheit Geld, die in die Volkswirtschaft eingeführt wird. Wer aber die Zinsen der Banken nicht mehr bedienen kann, gerät in die Schuld der Bank. Die Folgen sind: Enteignung und Versklavung. Das letzte Kapital, was ein Schuldner zu verkaufen hat, ist seine Arbeitskraft und sein Körper. Und genau diese muss er einsetzen, nachdem er Grund, Boden und natürliche Güter bereits an die Bank abgetreten hat.
Will man nun eine überproportionale Aufblähung der Geldmenge verhindern, die durch den Zinsdruck entstanden ist, muss das Wachstum steigen. Es muss mehr produziert werden. Um eine Steigerung des Wachstums zu erreichen ist es nötig, dass die eingesetzten Mittel optimal eingesetzt werden. Der Begriff der „Produktivität“ drückt das Verhältnis zwischen den eingesetzten Mitteln und dem produzierten Ergebnis aus. Das, was herauskommen soll, darüber kann man sich schnell einigen. Erschließung neuer Absatzmärkte für bereits vorhandene Produkte oder sogar die Schaffung völlig neuer Produkte, die eine völlig neue Nachfrage zur Folge haben, hohe Gewinnquoten usw. Nur welche Faktoren werden beim Einsatz berücksichtigt? Der Unternehmer berücksichtigt, was bei ihm in der Bilanz als Kostenfaktor auftaucht. Diese Kosten betreffen einen kurzfristen bis mittelfristen Rahmen von ein bis fünf Jahren. Was jedoch in seine Rechnung fehlt, sind ökologische Folgen, Konsequenzen bei den Handelspartnern und soziale Effekte. In seiner relativ kurzfristigen Aktionsradios interessiert sich der Unternehmer nicht, ob die Herstellung seines Produkts in zehn oder fünfzehn Jahren die Gewässer so verschmutzt hat, dass es der Gemeinschaft unverhältnismäßig mehr kostet, um diese negativen Effekte zu beseitigen. Der Unternehmer rechnet in einem gewissen Maße immer damit, dass die unvermeidlichen negativen Effekte, die im Laufe seiner Gewinnerzielung entstehen, von anderen getragen oder erduldet werden. Seine Rechnung würde anders aussehen, wenn er die langfristigen Kosten und negativen Effekte in seine Kostenrechnung miteinbeziehen würde. Ein anderes Beispiel ist das Lohndumping. Im internationalen Wettbewerb ist Lohndumping nicht verboten, so dass der Unternehmer sich dadurch kurzfristig bessere Gewinnchancen ausrechnen kann. Mit dem Argument, dass dadurch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, erweckt es den Augenschein einer marktwirtschaftlichen Wunderlösung. Die Nebenwirkung dieses Allheilmittels ist jedoch, dass die Arbeiter im Inland gar nicht mehr von ihrem Lohn leben können und deshalb vom Staat noch zusätzlich unterstützt werden müssen. (In Deutschland steht dafür das Kombilohnmodell). Im Grunde ist dies nichts anderes als eine indirekte Subvention der Unternehmen durch den Staat, d. h. durch den Steuerzahler. Der längerfristige und weitaus nachteiligere Effekt ist, dass die Handelspartner durch das Lohndumping selbst ihre Währungen abwerten mussten und durch die Ungleichheit im internationalen Handel eine Rezension heraufbeschwört wird. Die fatalen Konsequenzen im Lohndumping finden sich aber nicht in der Kostenrechnung des Unternehmers. Im Gegenteil, in seiner Sphäre des freien Wettbewerbs und kurz- und mittelfristiger Gewinnmaximierung tauchen solche wachstumsschädigenden Nebenwirkungen nicht auf. Ganz zu schweigen von den sozialen Aspekten. Für den Unternehmer ist „soziale Gerechtigkeit“ nur ein Schlagwort, das sich eventuell gewinnmindernd auf seine Bilanz auswirkt. Auch wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr von dem Geld leben kann, das es durch Arbeit erhält, sieht er sich nicht in der Pflicht, dafür aufzukommen. Der Unternehmer geht in seiner Rechnung davon aus, dass der Arbeitnehmer und eine breite Masse der Bevölkerung sich an den Vertrag hält, der es ihm ermöglicht seinen erwirtschafteten Gewinn auch zu behalten und von den Früchten seiner Investition zu leben. Er geht davon aus, dass selbst, wenn ein Großteil der Bevölkerung verarmt ist, er sein wohlhabendes Inseldasein genießen kann. Kurz, er geht davon aus, dass der soziale Friede nichts kostet. Die Konsequenz dieses Denkens ist, dass der Unternehmer längerfristig viel mehr Geld in Sicherheitsmaßnahmen stecken muss, um sein Güter und sein eigenes Leben zu schützen. Der Staat wird weder die Mittel noch das Personal aufbringen können, um eine breite Masse daran zu hindern, sich das zu holen, was sie begehrt. Die Lebensbedingungen in einem solchen Staat werden dann schlichtweg unerträglich.
Die Doppelrolle der Banken, die zum einen Dienstleister des Handels sind und zum anderen selbst Akteure auf dem Markt mit einem klaren Gewinnstreben, setzt die Banken in eine Position grenzüberschreitender Machtausübung. Wer die Geldmenge bestimmt, bestimmt auch welche Gesetze gemacht werden. Durch die Möglichkeit Geld gegen Geld zu verleihen wird eine Spirale der Geldschöpfung in Gang gesetzt, die auf der anderen Seite einen Wachstumsdruck auslöst, der sich rücksichtslos gegen die Umwelt, die nachfolgenden Generationen und gegen die gegenwärtigen Lebensbedingungen richtet.
Sowie die Banken Geld schaffen können, indem sie Kredite vergeben, können sie diese auch verweigern. Wenn die Rückzahlung der Kredite die Gewährung von Krediten übersteigt, wird der Wirtschaft Geld entzogen. Unternehmen können nicht investieren und Überbrückungskredite, um konjunkturelle Schwankungen zu überstehen, bleiben aus. Es kommt zu einem Rückgang des Wachstums und zu Pleiten. Aber nicht jede Pleite ist ungewollt. Ziehen die Banken Geld aus der Wirtschaft heraus, geraten die Marktakteure in die Bedrängnis, dass sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Ein großer Teil des Reichtums von Bankiers wie Rockefeller, Rothschild, Morgan, Warburg verdanken sie keiner Erfolgsgeschichte der Wirtschaft, sondern aus deren Zusammenbruch. Die Strategie ist denkbar einfach: zuerst pumpt die Bank Geld in die Wirtschaft. Im nächsten Zug werden Gerüchte über den Zusammenbruch von Banken in die Welt gestreut, die zu einer weiten Panik führen und zu unkontrollierten Massenreaktionen. Kredite werden daraufhin gekündigt bzw. es werden keine Überbrückungskredite vergeben. Wer nun seine Schulden nicht bezahlen kann und wer seine letzten Reserven aufgebraucht hat, der ist gezwungen Konkurs anzumelden. Ganze Banken und Konzerne fallen denen zu, die ihnen das „Universaltauschmittel“ geliehen hatten: den Banken. Über den Mechanismus der Geldschöpfung und Geldvernichtung verfügen die Banken über ein mächtiges Mittel der Enteignung. Die Frage des Eigentums, das heißt eines exklusiven Nutzungsrechts eines beweglichen oder unbeweglichen, materiellen oder immateriellen Gegenstandes ist zwar formell eine Frage staatlicher Hoheit, wer nun aber von was Eigentümer ist, darüber entscheiden wirtschaftliche Kriterien. In einer freien Marktwirtschaft kann alles gekauft werden. Das Gesetz verbietet einige Bereiche wie z. B. der Handel mit Menschen oder behält sich einige Sektoren wie der Handel mit Rüstungsgütern vor. Das Privatisierungsdogma zeichnet eine andere Tendenz vor: selbst lebenswichtige Güter wie Wasser, Erholungsraum etc. sollen Güter werden, die man erwerben kann und die man vor allem ausschließlich für sich nutzen kann, ohne andere daran teilhaben zu lassen. Die Frage des Eigentums ist in seiner formellen Existenz eine unvollständige Skizze, die erst dann Sinn macht, wenn man auch betrachtet, wer sich überhaupt noch Eigentum leisten kann. Wer ist nach den Kriterien der Banken überhaupt „kreditwürdig“? Wer ist es wert, Eigentum besitzen zu dürfen? Der Begriff des Eigentums ist daher in einem System, in dem die Banken das Monopol besitzen, das Universaltauschmittel herauszugeben, untrennbar von den Kriterien der Geldschöpfung und Geldvernichtung.
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Ein Beitrag von Andreas Clauss über Geld und Recht:
Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Teil V
Teil VI
Teil VII
Teil VIII
Teil IX