Die Gutmenschen – Das Ego im Anderen

Mai 14th, 2010 | By Christian Buder | Category: Essays, Psychologie

Warum haben einige Menschen ein Problem damit, dass sie manche Dinge nur aus Selbstgefälligkeit tun? Es ist ja nicht die Variante des Hysterikers, der im nur im Genuss des Anderen seinen eigenen Genuss befriedigen kann – also der Typ, der seine Angebetete oder seinen Angebeteten immer seinen Freunden oder Freundinnen vorstellt, bevor er sie noch selbst kennengelernt hat, so als gehörten seine Freunde zu seiner eigenen Person, um dann mit unterwürfiger Freude mitanzusehen wie der Freund(in) den heimlich Geliebten dankend an der Hand fortführt. Der Diskurs des Hysterikers bei Lacan eröffnet zwei Deutungen: einmal kann der eigene Genuss nur im Anderen befriedigt werden und zum andern, ist es nur der Diskurs des Anderen, der das eigene Ego quasi auslöscht und so getan wird als käme es gar nicht zum eigenen Genuss. Ich nenne es den Diskurs der Gutmenschen. “Ich mache es ja nicht für mich, sondern für eine höhere Sache.”

Der Unterschied zum ersten Fall ist, dass der Gutmensch den Anderen nur in seinem Diskurs verwendet, um selbst genießen zu können. Politische Parteien sind ein Tummelplatz für Gutmenschen. Gerade im linken Spektrum politischer Parteien finden sich besonders engagierte Gutmenschen. Zur ersten Kategorie zähle ich die Berufspolitiker, die in der politischen Karriere eine Möglichkeit sehen, ihre eigene Situation zu verbessern. Auf der Bühne erzählen sie wie sie sich für andere einsetzen und wie selbstlos sie ihr Leben der Politik opfern, wobei ihre Intentionen nur auf die Karriere gerichtet sind. Der politische Diskurs ist nur ein Mittel, um sich finanziell abzusichern oder sich Vorteile zu verschaffen. Der Berufspolitiker passt daher in jedes Spektrum. Er ist eine Marionette, die man je nach Bedarf anders anziehen kann.

Zur zweiten Kategorie gehört der Gutmensch, der sich selbstlos für höhere Ziele einsetzt: “Der Sozialismus, Menschenrechte, Reichtum für Alle, Wohlstand, eine gesunde Umwelt und der Schutz des Klimas – dabei denken sie schon zehn Generationen voraus.” Auffällig ist beim engagierten Gutmensch, dass die politischen Ziele, die erreicht werden sollen, auch seine eigene Situation verbessern. Er oder sie gehört zu dem Klientel, das in der Partei vertreten wird. Trotzdem sprechen sie nicht von Klientelpolitik und weigern sich von egoistischen Zielen zu sprechen. Schließlich setzen sie sich für eine “gerechtere Gesellschaft” ein. Dass sie dabei zufällig ihre eigene Situation verbessern, ist nur eine banale Zufälligkeit. Ein bisschen darf man auch an sich selbst denken, heißt es dann, wenn man sie auf diese Zufälligkeiten anspricht. Dass Politik grundsätzlich der Kampfplatz entgegengesetzter Interessen ist, können diese Gutmenschen akzeptieren, aber ihr Fall – darauf bestehen sie – ist natürlich selbstlos, oder fast selbstlos. Die linken Idealisten halten viel auf ihre Selbstlosigkeit. Es geht immer ums Proletariat oder um die Entrechteten und niemals um Macht oder Karriere. Bei denen, die nicht parteipolitisch engagiert sind, geht es natürlich auch nicht darum, ihre eigene finanzielle Situation zu verbessern. Wäre es nicht einfacher zu sagen: “Ich wähle denjenigen, der mir die meisten Vorteile verschafft” ? Würde dieses Bekenntnis offen ausgesprochen, hätte dies zur Konsequenz, dass damit auch der Genuss des gesamten Engagements wegfiele. Denn der Gutmensch verliert dann seine Genussfähigkeit, wenn er sich selbst als genießendes Subjekt begreift. Sein Genuss besteht gerade darin, dass er vorgibt, sich für etwas “Höheres” oder einen “Anderen” (Proletariat) einzusetzen.

Zur dritten Kategorie zähle ich die Kaviar-Linken. Sie sind reich, besitzen Wohnungen in den feinen Vierteln (sie wohnen nicht etwas aus Solidarität in den Arbeitervierteln), fahren teure Autos und logieren am Wochenende in ihren Villen am See. Spricht man mit ihnen, dann erzählen, dass sie das alles nicht brauchen. Sie reden davon, dass ihnen eine kleine Wohnung genügen würde, dass ein Mensch nicht soviel Wohnraum beanspruchen sollte etc. Natürlich geben sie sich nach außen großzügig, unterstützen ärmere Genossen und tun so als wären ihre Ferienhäuser den lieben “Genossen” offen. Doch diese Offenheit ist trügerisch. So großzügig wie diese Gutmenschen sich geben, sind sie nur zum Teil. Hinter ihrer Offenheit und Großzügigkeit, die sie natürlich bei jeder Gelegenheit erwähnen, steckt der autoritäre Wunsch Macht auszuüben. Meistens geben diese Gutmenschen keine zweckungebundenen Spenden an die Partei. Oft zahlen sie sogar nur den Mindestbeitrag und nicht wie in den Statuten der meisten Parteien “einkommensorientierten” Beitrag. Sie behalten sich vor, die Menschen zu unterstützen, die sie für unterstützenswert halten. Kurz, sie kaufen sich als Gutmenschen die schlechter gestellten Genossen. Dafür erhalten sie deren Anerkennung wie großzügig und selbstlos sie sind. Das politische Engagement der Kaviar-Linken (oder auch der liberalen Lobbyisten) hat nicht im Geringsten etwas mit politischer Raison zu tun, sondern entspricht dem Konsumverhalten reicher Bürger, die ihren Genuss aus der Tatsache ziehen, dass sie ihren Reichtum zwar haben, aber eigentlich nicht brauchen. Im Gegensatz zur zweiten Kategorie sind diese vermögend, während die Gutmenschen der zweiten Kategorie gerne reicher wären, es aber nur über die Vermittlung eines Dritten ausdrücken können: “ich setze mich für das Proletariat, für die Entrechteten etc.” Allein drei Kategorien ist gemeinsam, dass ihre “höheren Ideale” nur eine Paraphrase für egoistische Interessen sind.
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