Ideales Ich sucht ideales Du

Jun 19th, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, In Zeitschriften veröffentlicht, Kulturanalyse

DSCN5122In Internet-Partnerbörsen vermeiden die Suchenden die zufällige Begegnung. Die systematische Suche lässt sie jedoch das Begehrte gerade nicht finden: den Anderen

Früher waren es knappe Ein- oder Dreizeiler, die der oder die Einsame für eine Kontaktanzeige formulierte: „Junggebliebene Sie sucht sportlichen Ihn“ oder „Brummiger Kater sucht bissiges Kätzchen“.

Heute ist der virtuelle Auftritt eine aufwendige Angelegenheit. Authentisch und wirklichkeitsgetreu soll das Ich sein, das den virtuellen Marktplatz betritt. Damit beginnen aber schon die Schwierigkeiten, denn wen und wie beschreibe ich, wenn von meinem eigenen Ich die Rede ist?

Will man nicht in oberflächlichen Gemeinplätzen stecken bleiben und sich unterscheidbar machen, muss man sich fragen: Wer ist denn dieses Ich, das mein Profil ausmachen soll? Ich beginne, mich zu beschreiben, meine Vorlieben aufzulisten, zeige mich mit Humor oder lasse eine romantische Note durchschimmern. Mein beschriebenes Ich ist nun genau so, wie ich denke, dass der Andere mich haben will. Ich lüge nicht. Ich beschreibe nur das, was ich an mir begehrenswert finde und habe dabei immer schon den Anderen im Kopf. Es ist der ideale Andere, der mir die Hand beim Niederschreiben meines Profils führt.

Nachdem nun der eigene Steckbrief im virtuellen Netz verfügbar ist, begebe ich mich auf die Jagd nach dem bestmöglichen Partner. Zuerst bestimme ich die Parameter, die aus der Masse der Profile den passenden Mann beziehungsweise die passende Frau herausfiltern sollen. Begegne ich auf die übliche Art und Weise einem Menschen – auf einer Party etwa oder beim Sport – sind es eher unbewusste Filterfunktionen, die mir im Bruchteil einer Sekunde sagen, ob mich der Andere anspricht oder nicht – der sogenannte erste Eindruck gibt den Ausschlag. Die virtuelle Begegnung wird hingegen bewusst gefiltert und planmäßig angelegt. Dem Zufall und der Intuition lasse ich wenig Raum. Der „passende“ Partner wird durch ein genau festgelegtes Raster aus der Menge aller verfügbaren Partner herausgefiltert.

Diesen Filter kann man sich wie einen Türsteher vorstellen, den man am Eingang seines Lieblingscafés postiert, mit der Anweisung, nur diejenigen hereinzulassen, die gewissen Kriterien entsprechen. Ein Traum, könnte man meinen, denn plötzlich wäre ich zum Beispiel nur von blonden, sportlichen Männern/Frauen umgeben, von denen ich weiß, dass sie nicht rauchen, die Heirat gutheißen etc. Wo liegt der Haken?

Die möglichen Partner, die in meinem Kategoriensieb hängen geblieben sind, haben mich nach demselben Filtersystem gefunden. Mein Profil entspricht dem Bild, das der Andere nach seinen Kriterien als Ideal für sich entworfen hat. Wenn nun auch unsere Fotos jeweils den Erwartungen des Anderen entsprechen, dann kann dem perfekten Glück nichts mehr im Wege stehen. Oder? Es ist aber genau diese Perfektion, die die wahre Begegnung mit dem Anderen unmöglich macht. Denn was ich in den Auswahlkriterien meines Suchfilters erkenne, ist nur meine Vorstellung des idealen Partners. Dasselbe gilt natürlich für den Anderen, der mich fand. Jeder sieht im Anderen nur seine eigenen Wünsche.

Doch eine Begegnung mit einem anderen Menschen findet eigentlich erst dann statt, wenn diese nicht das Ergebnis eines Plans ist. Wenn ich von meinem Gegenüber nicht erwarte, dass er meine Erwartungen zu bestätigen hat. Hinzu kommt, dass die virtuelle Begegnung ausschließlich über Sprache geschieht, und die ist nicht unmittelbar. Gestik, Mimik sowie die Lebenswelt des Anderen bleiben ausgeblendet.

Treffe ich nach endlosem Chatten und Mailen den wirklichen Menschen in einem Café, dann ist der unbekannte Andere eben nicht mehr unbekannt. Ich habe ein gewisses Bild von ihm, das aus der Deutung seiner Worte entstanden ist und natürlich aus meinen Erwartungen, die ich an meinen Filter gestellt habe.

Revidiere ich nicht meine Vorstellungen, wenn ich dem virtuellen Anderen gegenübersitze? Ja, es gibt eine Revision, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Nicht das unmittelbare Gefühl hat den Kontakt zum Anderen hergestellt, das ich nach und nach ergänze und korrigiere aufgrund der Informationen, die ich erhalte. Der Andere ist zuerst ein sprachliches Gebilde, vom dem ich gewisse Vorstellungen habe und dann erst der Mensch, der vor mir sitzt. Diese zeitliche Ordnung hat zur Folge, dass ich in der wirklichen Begegnung versuche, die bereits gemachten Vorstellungen zu bestätigen und gegebenenfalls auch zu verteidigen, selbst wenn der wirklich gewordene Andere keine unserer Erwartungen erfüllt. Schnell stellt sich ein Gefühl ein: Enttäuschung.

Ich setze nicht meine eigenen Vorstellungen und Erwartungen auf die Anklagebank, sondern den Anderen, der es nicht geschafft hat, meinem Ideal zu entsprechen. Dabei müsste die Enttäuschung in Wirklichkeit auch meine Ideale infrage stellen.

Doch im Zeitalter der „Online-Liebe“ wird dem Ich die Wahl leicht gemacht: Wenn der Andere mich enttäuscht, so formuliert der egozentrische Mensch, dann ist er nicht für mich. Die Liste der Kandidaten im virtuellen Netz ist lang, es warten schon andere, die man kennenlernen kann. Warum sich also mit dem einen aufhalten, der meine Erwartungen nicht erfüllt?

Gerade aber in der Enttäuschung läge die Möglichkeit, dem Anderen wirklich zu begegnen. Auf den Trümmern der Idealvorstellungen könnte etwas wachsen, was man suchte, bevor man sich an den Computer setzte, um sein Suchprofil zu definieren: eine Beziehung, die durch Gefühle gegründet ist.

Erschienen in DER ZEIT am 2.11.2007

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