Ithaka (1911) – ein Lebensweg
Jan 19th, 2010 | By Christian Buder | Category: Essays, Literatur
Wo beginnt eigentlich ein Leben? Mit der Geburt? Am ersten Arbeitstag und mit dem Erhalt des ersten Gehaltsschecks? Mit dem ersten Kind? Wann beginnt sich das zu verwirklichen, was wir glauben in uns finden zu können? Die Reise des Odysseus ist nichts anderes als eine Reihe von Verirrungen, ein Kampf gegen den Zorn der Götter und der tiefe Wunsch in die Heimat zurückzukehren. Ist es nicht der Zustand der postmodernen Welt, dass der Mensch sich ständig in der Verwirrung befindet? Greift er nicht nach jeder Idee und nach jedem Klamauk, dem ihm der Kapitalismusbetrieb unter die Nase hält? Niemand trifft sein Leben genauer als derjenige, der es verpasst. Genauer gesagt, ist es derjenige, der sich im Verpassen übt. Das ist der Weg des Odysseus.
Ich habe Jahre irgendeinen Weg gesucht, in langen Nächten über Büchern, auf langen einsamen Spaziergängen, in Gesprächen mit Freunden und auch im Glauben auf kalten Kirchenbänken. Und da waren die Reisen, die fremden Orte, andere Sprachen und die Menschen, die ich auf diesen Reisen lieben lernte. Jetzt frage ich mich, wann denn der Zeitpunkt gekommen sei, um endlich anzukommen? Wo ankommen? Die Heimat? Ich komme aus dem Allgäu. Grüne Hügellandschaft, die Berge manchmal sichtbar, in die Landschaft geworfene Dörfer, unzählige Dialekte und meine Erinnerungen an die Nächte im Wald, in denen ich über alles mögliche nachdachte – Tod, Leben, die Welt, Heraklit und damals Nietzsche. Das größte Glück war der Tag, an dem ich das Allgäu, meine Heimat verließ. Erst Jahre später fand ich in einem Gedicht von Constantin Cavafis “Ithaka”, warum die Reise notwendig ist, um überhaupt eine Idee von Glück zu haben. Und unter Reisen verstehe ich nicht, die gebuchten Kurzurlaube mit Billigfliegern nach Rom oder nach Mallorca. Nein, es ist eine Reise, hinter der die Idee steckt, nicht mehr zurückzukehren. Das Leben ist eine Reise. Nun, es liegt an jedem selbst, sich diese Reise auszustecken, zu entscheiden, wo er ein bisschen verweilt, um dann weiterzuziehen. Wie auch immer die Reise aussehen mag: eines bleibt immer gleich. Es geht nie um das Ankommen.
Dies lernte ich von dem griechischen Dichter Constantin Kavafis. Dem ich in tiefer Dankbarkeit meine Übersetzung auch widme. Mein Griechisch ist leider lückenhaft, so dass meine Übersetzung sich stellenweise auch auf die französische Übersetzung von Jacques Lacarrière bezieht. Im Anschluss an die deutsche Version füge ich das griechische Original.
Ithaka von Constantin Kavafis (übersetzt von Christian Buder)
Wenn du nach Ithaka aufbrichst,
wünsche dir, dass die Reise lange dauern möge,
dass sie voll von Abenteuern und Erkenntnis sei.
Fürchte nicht die Lestrygonen und Zyklopen,
und auch nicht den Zorn des Poseidon.
Nichts von alledem findest du auf deiner Reise
wenn deine Gedanken aufrichtig sind, wenn nur reine
Regungen deine Seele und und deinen Körper berühren.
Die Lestrygonen und Zyklopen,
die Gewaltausbrüche des Poseidon, du wirst sie nicht sehen
es sei denn du trägst sie in dir selbst
oder du richtest sie in deiner Seele auf, vor dir selbst.
Wünsche dir, dass die Reise lange dauern möge.
Mögen die Sommermorgen zahlreich sein,
an denen du dich mit Leidenschaft und Sehnsucht
zu unbekannten Häfen aufmachst.
Halte ein an den phönizischen Märkten
erwirb dort schöne Waren
Perlmutt, Korallen, Bernstein und Ebenholz
und jegliche Sorten betörender Düfte,
möglichst viel solch betörender Düfte,
besuche auch zahlreiche Städte in Ägypten
um dort zu lernen,
um an der Seite von Weisen deine Lehre zu beginnen.
Aber eines vergiss niemals, Ithaka.
Dorthin zurückzukehren ist dein einziges Ziel.
Aber dränge nicht auf deiner Reise
ziehe sie so lange wie möglich in die Länge
und erreiche die Insel erst, wenn du alt bist,
reich von den Früchten deiner Reise
und du wirst sehen, dass Ithaka, dir nicht mehr geben konnte.
Ithaka, konnte dir nur eines geben, die schöne Reise.
Ohne es wärst du niemals fortgegangen.
Es hat dir nichts anderes zu geben.
Und so arm wie es dir erscheint
Ithaka hat dich nicht getäuscht.
Denn weise und reich an Erfahrung
wirst du verstehen, was sie bedeuten,
die Ithakas.
Originaltext:
Σα βγεις στον πηγαιμό για την Ιθάκη,
να εύχεσαι νάναι μακρύς ο δρόμος,
γεμάτος περιπέτειες, γεμάτος γνώσεις.
Τους Λαιστρυγόνας και τους Κύκλωπας,
τον θυμωμένο Ποσειδώνα μη φοβάσαι,
τέτοια στον δρόμο σου ποτέ σου δεν θα βρείς,
αν μέν’ η σκέψις σου υψηλή, αν εκλεκτή
συγκίνησις το πνεύμα και το σώμα σου αγγίζει.
Τους Λαιστρυγόνας και τους Κύκλωπας,
τον άγριο Ποσειδώνα δεν θα συναντήσεις,
αν δεν τους κουβανείς μες στην ψυχή σου,
αν η ψυχή σου δεν τους στήνει εμπρός σου.
Να εύχεσαι νάναι μακρύς ο δρόμος.
Πολλά τα καλοκαιρινά πρωϊά να είναι
που με τι ευχαρίστησι, με τι χαρά
θα μπαίνεις σε λιμένας πρωτοειδωμένους•
να σταματήσεις σ’ εμπορεία Φοινικικά,
και τες καλές πραγμάτειες ν’ αποκτήσεις,
σεντέφια και κοράλλια, κεχριμπάρια κ’ έβενους,
και ηδονικά μυρωδικά κάθε λογής,
όσο μπορείς πιο άφθονα ηδονικά μυρωδικά•
σε πόλεις Αιγυπτιακές πολλές να πας,
να μάθεις και να μάθεις απ’ τους σπουδασμένους.
Πάντα στον νου σου νάχεις την Ιθάκη.
Το φθάσιμον εκεί είν’ ο προορισμός σου.
Αλλά μη βιάζεις το ταξίδι διόλου.
Καλλίτερα χρόνια πολλά να διαρκέσει•
και γέρος πια ν’ αράξεις στο νησί,
πλούσιος με όσα κέρδισες στον δρόμο,
μη προσδοκώντας πλούτη να σε δώσει η Ιθάκη.
Η Ιθάκη σ’ έδωσε το ωραίο ταξίδι.
Χωρίς αυτήν δεν θάβγαινες στον δρόμο.
Αλλο δεν έχει να σε δώσει πια.
Κι αν πτωχική την βρεις, η Ιθάκη δεν σε γέλασε.
Ετσι σοφός που έγινες, με τόση πείρα,
ήδη θα το κατάλαβες η Ιθάκες τι σημαίνουν.