Neuer Tag, neuer Feind
Sep 30th, 2009 | By Christian Buder | Category: Psychoanalyse
Vom Dilemma der hysterischen Psyche und ihrem endlosen Kampf.
Als Gabi C. das erste Mal eine Therapie aufsuchte, hatte sie sich gerade von ihrem zweiten Ehemann scheiden lassen und sich von ihrem neuen Freund Lebensgefährten schon wieder getrennt. Freunde hatte sie kaum mehr und diejenigen, die sie Freunde nannte, das waren alles Menschen, die sie nicht oft sah und die in räumlicher Distanz zu ihr wohnten. Gabi C. war allein. Die Schuld dafür gab sie ihrem letzten Lebensgefährten, der sie verraten habe, sie missbraucht und ihre Zeit und Gefühle gestohlen hätte – er war wie all die anderen. Was sie schließlich dazu brachte, eine Therapie aufzusuchen, war nicht die Überzeugung, dass der Andere nicht an ihrem Unglück Schuld sei, im Gegenteil, sie kam mit der Vorstellung in die Therapie, dass diese ihr helfen solle, eine idealen Partner zu finden. Die einzige Frage, die sie sich stellte war, dass sie sich nicht erklären konnte, warum sie am Ende einer Beziehung grundsätzlich die ganze Beziehung rückwirkend als „verlorene“ oder „gestohlene“ Zeit betrachtete. „Jeder Moment mit ihm war grauenhaft, es gab keinen einzigen Tag, der erträglich war. Er hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin…eine unterdrückte, depressive Frau…das weiß ich und das zahle ich ihm heim. Und zwar jedem von ihnen.“
Auf die Frage, warum sie denn jetzt wieder eine neue Beziehung angefangen habe, wenn sie doch schon im Voraus wüsste, dass diese zum Scheitern verurteilt sei und sie dann rückwirkend jeden Moment mit diesem neuen Partner als „grauenvoll“ bezeichnen wird, wusste Gabi C. keine Antwort. Sie wisse nicht wohin die Reise ginge, aber sie habe im Augenblick ein gutes Gefühl. Vor einer Woche sei sie zu ihrem neuen Partner gezogen, der wie sie in Scheidung lebe und ihr durch seine Lebenserfahrung ein Richtungsweiser sei.
Gabi C. wusste, dass ihr das nächste Desaster wieder bevorstand, die nächste Enttäuschung. Der Grund, den richtigen Partner zu finden, war nur ein Vorwand und kam der Aussage gleich, dass der Andere immer schuld sei. Jedes Mal ist es der Falsche.
„Ce n’est pas ça“ ist der Schlüsselsatz des Hysterikers, der für Lacan in einem Teufelskreis mit dem Anderen in einem Freund-Feind-Verhältnis gefangen bleibt. Wörtlich übersetzt heißt der Schlüsselsatz des Hysterikers „Das ist es nicht!“. Gabi C. „Das ist immer der Falsche gewesen“ drückt dieselbe Logik aus.
Nach außen tritt der Hysteriker dadurch in Erscheinung, dass er immer auf der Suche nach einem „Herren“ ist. Das kann eine Person sein, der es nachzufolgen gilt, eine Führergestalt mit Autorität und die ihm neue Leitsätze produziert, es kann sich aber genauso gut um eine Gruppe handeln, eine Religion, Ernährungsgewohnheiten, Gesundheitsvorschriften, Hygienevorstellungen oder die Art wie Kinder erzogen werden müssen. Am Anfang ist der Hysteriker Feuer und Flamme für den neuen Herren oder wie Lacan sagt für den neuen „Herrensignifikanten“ und es gibt niemanden, der den Hysteriker von der Richtigkeit seines Tuns und seinen Überzeugungen abbringen kann. Der Hysteriker ist anfangs so fanatisch für den neuen Herren (Herrensignifikanten) wie er sich dann später gegen ihn stellen wird. Bewunderung und Hass geben sich in der Psyche des Hysterikers die Klinke in die Hand.
In Beziehungen sucht der Hysteriker sich einen Partner, den er bewundert – eine Art Meister, der ihm an Wissen, Lebenserfahrung oder durch Weisheit überlegen ist. Dabei ist die Vorstellung des Hysterikers entscheidend, dass es „genau dieser ist“, auf den sie so lange gewartet hatte. Die Euphorie hält allerdings nicht lange an.
Das Leiden des Hysterikers beginnt mit der Suche und endet mit der Zerstörung des selbst ernannten Herrn. Der Hysteriker baut sich seinen Herrn auf und er bleibt es solange wie der Herr dem hysterischen Subjekt das Wissen liefert, nach dem er verlangt. In Gabi C. Fall suchte sie sich immer Männer, die älter waren und ihr in Bildung oder beruflicher Karriere überlegen waren und zu denen sie aufschauen konnte (jedenfalls aus ihrer Sicht). Jede dieser Beziehungen endete mit der Erkenntnis, dass sie ihre Partner nach einer gewissen Zeit demontierte. „Du hast mir nichts mehr zu sagen…“, „Was willst du überhaupt noch von mir…“, „Verschwinde einfach du Versager…“.
Sie selbst beschrieb diese Erkenntnis wie ein Schleier, der plötzlich fiel und sie nur noch Versager und Kleingeister sah, die ihre Zeit und Liebe gestohlen hatten. Am längsten hatte sie in ihrer letzten Ehe gekämpft. Nachdem sie ihren ersten Mann verlassen hatte und sich ihre beiden kleinen Söhne entschieden hatten bei ihrem Vater zu bleiben, führte sie einen erbitterten Rachefeldzug gegen ihren Mann bis sie ihren letzten Ehemann kennen lernte. Fast elf Jahre hielt sie es mit ihm aus, obwohl sie bereits kurz nach der Heirat wusste, dass ihr Mann nicht der Richtige war.
Der Hysteriker fixiert seinen Herrn nicht unbedingt. Einmal ausgewählt, kann sich das Zentrum seines Interesses auch auf einen anderen Herrn verlagern. Gabi C. erklärte, dass sie über lange Zeit während ihrer Ehe in einer radikalen Religionsgemeinschaft Halt gefunden hatte.
„Es tat einfach gut zu wissen, dass man auf der Seite der Wahrheit war und es so viele Unwissende gab, die von ihr überzeugt werden wollten“, erklärte Gabi C. und verschwieg nicht, dass sie mit Kritikern und Menschen, die die Wahrheit nicht sehen wollten, kurzen Prozess machte: entweder sie ließen sich überzeugen oder sie strich sie aus der Liste ihrer Freunde. Sie gab auch zu, dass sie kein Verständnis für Kritiker gehabt hätte. Ihre Argumente waren für sie Geschwätz, es ginge ja nicht um philosophische Erkenntnis, sondern um die „Wahrheit“ und die hatte sie erkannt.
So fanatisch wie sie am Anfang war, so erbittert hat sie diesen „Club der religiösen Spinner“, wie sie es später nannte, wieder verlassen. Danach lebte sie sich mystisch aus, ging auf Seminare für Naturheilkunde und war bald eine überzeugte Aktivistin für natürliche Lebensweise und Ernährung. Menschen, die nicht in ihre neue Lebenslehre passten ließ sie ebenfalls wieder fallen. Es war eine Zeit, in der die Freunde kamen und gingen.
Typisch für den Hysteriker ist seine Radikalität mit der er Fragen oder Kritik von Freunden oder Verwandten abblockt. Er kennt nur ein Motto: „Bist du für mich oder gegen mich?“ Eine goldene Mitte kennt der Hysteriker nicht. Er kennt nur Freund und Feind. Schwarz und Weiß. In Familienbeziehungen oder Partnerschaften zeigt sich das hysterische Subjekt durch seine Unversöhnlichkeit. Es bricht mit Freunden, Familienmitgliedern. Seine Welt ist von klaren Grenzen umzogen und solange seine „Feinde“ klar sind, solange scheint sein Leben mehr oder weniger stabil. Problematisch ist bei dieser reinen nach außen bestimmten Persönlichkeit, dass die Freund/Feind-Sichtweise selten auf Dauer ist. Die Menschen, mit denen der Hysteriker gebrochen hat, ziehen sich von ihm zurück und stehen nicht mehr im Feld seiner Selbstwahrnehmung. Im gleichen Maße wie die anderen aus dem Radius der Selbstzerstörung des Hysterikers fliehen, fällt der Hysteriker auf sich zurück. Wo vorher die Demontage einer selbst erwählten Autorität stand, tritt nun eine Leere, in der der Hysteriker sich selbst zu demontieren beginnt. Zur Selbsterkenntnis führt diese Selbstzerfleischung oft nicht, weil die persönliche Geschichte des Hysterikers selbst ein Schattenkabinett aus „Feinden“ ist, die allesamt die Schuld an seinem Schicksal tragen. Daher ist der Hysteriker niemals mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt. Die Vergangenheit ist eine Ansammlung von Figuren (Menschen, Ideale, Situationen etc.) von denen er sich trennen musste und die Schuld an seinem jetzigen Zustand tragen. Genauso wenig ist der Hysteriker in der Zukunft zu Hause. Im Augenblick des Zweifels sieht er die Hoffnung nur darin, dass es etwas Besseres oder einfach etwas Anderes am Horizont seines Lebens gibt. Im Augenblick der Euphorie für einen neuen Herrensignifikanten, verzaubert sich jeder Zweifel und Möglichkeit eines Andersseins in einer nie endenden Gegenwart. Für diese Momente lebt der Hysteriker, hofft aber stillschweigend, dass diese Momente auch dauerhaft sein können. Diese Hoffnung treibt das Räderwerk des Teufelskreises, in dem der Hysteriker gefangen ist und ihn zwingt ständig zwischen Verehrung und Verachtung eines Herrensignifikanten zu schwanken, voran, denn ohne die Hoffnung, dass der neue „Herrensignifikant“ der Beste und Endgültige ist, würde der Hysteriker nicht die Energie aufwenden, einen neuen zu suchen.
Von einem Hysteriker als „Herr“, „geistiger Führer“, „Lehrer“, „Meister“ bezeichnet zu werden, ist also wenig schmeichelhaft. Selbst geschickte Rhetoriker oder Menschen, die es wissen, den Hysteriker rein logisch auf argumentativer Weise zu überzeugen, müssen die Erfahrung machen, dass der Prozess der Demontage nicht zu vermeiden und auch nicht mehr auf einer argumentativen Ebene auszugleichen ist.
Der Hysteriker ist ein Meister des Ausweichens. Widerlegt man seine Vorwürfe auf logischer Ebene, so schleudert er seinem Gegenüber entgegen, dass dieser zu „logisch“ denkt oder ganz einfach die „intuitive“ Ebene nicht verstanden hat. Kommt man ihm mit „intuitiven“ Argumenten, so wird er seinem Gegenüber mangelnde Logik vorwerfen. Der Hysteriker tut zwar immer so als ob er Argumente hätte, doch entweder spricht er diese nicht offen aus („ich habe gar keine Lust darauf näher einzugehen“ oder „ich habe eben eine andere Sicht der Dinge“) oder er vermeidet systematisch den Diskurs des Anderen. Der Andere ist immer zu logisch, zu intuitiv, zu unreflektiert etc. Der Andere ist im Diskurs des Hysterikers immer mit dem Stigma des „zu“ belegt. Geschieht es jedoch, dass der Hysteriker sich doch einmal festnageln lässt und die Schwäche seiner Argumente vor Augen hat, schlägt sein Verhalten in unerwartete Aggressivität um. Das letzte Argument hat der Hysteriker, sei es nun der Schrei oder körperliche Gewalt, daran muss man sich beim Umgang mit Hysterikern gewöhnen – wenn man dies jemals kann.
Was aber macht den Hysteriker zum Hysteriker? Woher diese Zerrissenheit und der Drang, ständig neue Herren aufzubauen, um sie wieder zu zerlegen?
Von außen gesehen erscheint der Hysteriker als „Skeptiker“. Er gibt sich gerne als Querulant, der auch ohne großes Wissen gerne mitredet. „Das ist aber nicht zwingend…“ oder „Übertreibst du hier nicht…das ist doch nur deine Position…“ Er braucht das Argument des Anderen, um es zu demontieren. Beobachtet man den Hysteriker genau, dann kann man feststellen, dass er eigentlich mit einem relativ dünnen Wissen in ein Gespräch geht und sich an den Fäden der Argumentationslinie und an den Begriffen des Anderen abarbeitet, sie aufgreift und versucht, auch wenn er keine Ahnung von der vertretenen Theorie hat, an Kleinigkeiten das Argument des Anderen kaputt zu machen. Dabei hält der Hysteriker sich am liebsten im Allgemeinen und bleibt selbst schwammig und unangreifbar. Kommen dann Gegenfragen, weicht er aus oder wechselt das Thema. Von außen erscheint der Hysteriker oft als gebildeter Mensch, der bei allem mitreden kann und der magisch angezogen ist von Leuten und Diskursen, die als „das muss so sein…“, „du sollst das so tun…“, anders gesagt, der Hysteriker fühlt sich von Autorität angezogen. Die verhängnisvolle Verbindung von Autorität und hysterischem Diskurs ist im Wesen des Hysterikers verwunden. Nicht untrennbar verschränkt, aber nahezu in einem unentwirrbaren Knoten verschlungen.
Man könnte den voreilen Schluss ziehen, dass der Hysteriker ein Mensch sei, der eine natürliche Abneigung gegen Autorität und Zwang hat und daraus ein Trauma in der Vergangenheit des Subjektes als ursächlich annimmt. Dies würde aber nur bedeuten, dass man dem Subjekt eine natürliche Widerstandshaltung oder interne Negativität zuschreibt, ohne dass er die Erfahrung des Anderen (als Autorität) zu machen braucht. Setzt man die Negativität als einziges bestimmendes Moment beim hysterischen Diskurs, so tritt der Andere nicht auf das Subjekt zu, sondern der Hysteriker schafft sich den Anderen. Folglich ist auch Lacans Schlussfolgerung richtig, wenn er sagt, dass das Problem des Hysterikers nicht die erdrückende Zwangsgewalt der Autorität ist, sondern deren Abwesenheit. Lacan deutete die gesamte 68er Bewegung als eine hysterische Bewegung, in der die Jugend sich nicht von der Autorität der alten Generation oder der vorigen Klasse befreien wollte, sondern genau deren Grenzen suchte. (Für die 68er war die vorige Generation die Generation eines verlorenen Krieges).
Das Grundproblem des Hysterikers ist in psychoanalytischem Sinne nicht der abwesende, physische Vater, sondern dass der Mensch, der die physische Vaterrolle innehat, symbolisch nicht als Vater (Autorität) anerkannt wird. Der Vater ist zwar als Mensch vorhanden und kann auch fürsorglich seine Vaterpflichten erfüllen, er taucht jedoch nicht in seinem sprachlichen Universum, in dem er sich auch selbst als Bewusstsein fasst, als Vaterfigur auf. Das Problem des Hysterikers – was Slavoj Zizek in seinem Buch The ticklish subject treffend erläutert hatte – ist der „erniedrigte Vater“. In den Augen des Kindes hat der Vater keine Autorität. Die Gründe können verschieden sein. Der Vater ist selbst ein Kind, dessen Autoritätsverhalten gebrochen ist, das heißt, er hatte selbst in seiner Kindheit unter einem tyrannischen Vater gelitten und eine Überlebensstrategie als Kind entwickelt, um möglichst ungeschoren unter der Tyrannei zu überleben. Er gibt dann selbst ein umgekehrtes Verhalten von Autorität und wird im Falle des Hysterikers nicht als „Autorität“ wahrgenommen. Das Streben des Kindes an seine Grenzen zu stoßen, den Anderen als Grenze wahrzunehmen, sind nahezu vergeblich. Entscheidend ist auch hier wieder das symbolische Feld der Vaterfigur, nicht der physische Vater. So kann der Vater seine symbolische Rolle als Vater auch nicht durch exzessive Gewalt gegenüber dem Kind einfordern. Diese Gewalt schreibt sich erst dann in die symbolische Ordnung des Kindes, wenn sie nicht mehr ausbricht. Die Gewalt schwingt nur mit und erhält ihre symbolische Anerkennung, wenn das Kind sieht, dass auch andere den Vater als symbolische Vaterfigur anerkennen. In Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ beschreibt er eine Szene deren Schrecken daran besteht, dass ein Kind mitansehen muss wie sein Vater gedemütigt wird.
Diese Demütigung muss aber gar nicht vom Kind selbst miterlebt werden, sondern wird durch das erlernte Schutzverhalten des Vaters (der einen tyrannischen Vater hat) weitergegeben. Das hysterische Subjekt ist die logische und unmittelbare Reaktion auf die Abwesenheit von Autorität, aber sie ist indirekt das Wirken des tyrannischen Vaters des Vaters. Der „erniedrigte Vater“ als konstituierendes Moment in der Psyche des Hysterikers kann zum Beispiel auch dann auftreten, wenn die Vaterfigur von einer allein erziehenden Mutter erfüllt wird. Anstatt die Rolle des Vaters leer zu lassen, spielt sie beide Rollen, so dass das Kind die Mutter auch als Vater begreift. Genau in der Bestätigung des Kindes, die der Mutter die Rolle des Vaters zuerkennt, scheitert das Kind. Die Mutter als „Objekt des Begehrens“ und die „verbietende Macht“, die das Begehren symbolisch unterbindet, fallen in einer Person zusammen. Die Unmöglichkeit zwei sich ausschließende Pole in einem Menschen vereint zu begreifen, treibt das Kind dazu, eine Ersatzautorität zu suchen. Es geht dabei aber nicht bewusst vor, sondern seine Suche geht danach vor wie das Kind Autorität erfährt. Es provoziert, verweigert und ist – je abwesender der Vater ist – um so radikaler in seinem Widerstand. In seinem Widerstand drückt sich der Mangel der Grenze des Anderen aus. Nach dieser Logik kann man auch sagen, dass der Hysteriker Revolution nur um der Revolution willen betreibt.
Im Falle von Gabi C., die nach Jahren erst verstanden hatte, dass der Grund ihrer Beziehungs- und Familienproblemen weder bei ihren Ehemännern, Freunden oder Eltern zu suchen war, sondern zwei Generationen zurück, bei ihrem Großvater. Das Verhängnis des Hysterikers ist, dass er zwar emotional weiter in seiner Vergangenheit gebunden ist, das Wissen darüber aber sprachlich nicht vermittelt wurde.
Die psychoanalytische Lösung ist die Arbeit des Subjektes die Leere zu füllen, die zwischen seinem Wissen über sich selbst und seinen Gefühlen (in Bezug auf Andere) besteht. Das Subjekt „durchquert“ sein eigenes „Freund/Feind“-Fantasma, er durchlebt, dass er seine eigene Negativität zwar nicht auflösen, ihre Bindung aber verstehen und aushalten kann. Eine Methode, die in den meisten Kriminalgeschichten zur Anwendung kommt, in denen der Kommissar nicht nur ein von außen kommender Ermittler ist, sondern schon in der Vergangenheit dieser Geschichte steckt. Die narrative Aufgabe des Schriftstellers ist es nun, die Verbindung herzustellen zwischen dem Mord in der Gegenwart und den Geschehnissen in der Vergangenheit des Kommissars.
Eine andere Möglichkeit des Aushaltens der Gegensätze beim Hysteriker ist die intellektuelle Arbeit. Nicht umsonst nannte Lacan den „hysterischen Diskurs“ den wissenschaftlichen Diskurs. Indem der Hysteriker grundsätzlich den Herrensignifikanten in Frage stellt – die geltende Lehre beispielsweise – treibt er die anderen Wissenschaftler (in der Position des Herrn), ständig neues Wissen zu erzeugen. In diesem Sinne ist der „hysterische Diskurs“ ein wissenschaftlicher Diskurs, weil er Wissen schafft. Der Widerstand des Hysterikers, seine Skepsis und interne Negativität müssen aber über das Stadium der Ausweichmanöver hinauswachsen. Der Hysteriker als „wissenschaftlicher Skeptiker“ muss selbst lernfähig sein. Was ihn noch als Hysteriker ausmacht – und Lacan spielt darauf an – ist die diebische Freude sich mit den Theorien anderer Kollegen zu beschäftigen, um darin eine Lücke zu finden.
Wer jedoch wie Gabi C. sich nicht in Theorien bewegt, um diese zu demontieren, sondern „hysterisch“ mit dem Partner und/oder den Familienmitgliedern verbunden ist, wird nicht um den schmerzvollen Weg einer Selbstreflexion kommen: das Durchqueren der eigenen, noch ungeschriebenen Seele.