Ontologischer Feminismus, der Schritt zur totalitären Ideologie
Mai 19th, 2010 | By Christian Buder | Category: Politische Theorie, Politometer
Als ich gestern von einer Diskussionsveranstaltung zum Thema “Frauen in Verantwortung” nach Hause kam, hatte ich den Eindruck einer amerikanischen “White Power” Veranstaltung beigewohnt zu haben. Im Unterschied, dass hier nicht eine Menschenrasse mit zwielichtigen Argumenten zur “Überrasse” erhoben werden sollte, sondern das Geschlecht.
Die meisten Gender-Debatten hatte ich im Kreise von Philosophen und Philosophinnen geführt. Feministinnen, die aus der Tradition von Simone de Beauvoir kommen oder sich auf Judith Butler berufen, treten dafür ein, dass nicht das Geschlecht eines Menschen seine gesellschaftliche Position bestimmen soll. Nach dem Motto, ich bin Frau, deshalb habe ich Kinder aufzuziehen und auf eine berufliche Karriere zu verzichten. Diese Determinierung der Frau entlarvten Philosophinnen wie Butler oder Beauvoir folgerichtig als “männliche” Dogmen. Gerade das Argument der “natürlichen” Bestimmung, dass nämlich das Geschlecht eine spezifische Rolle in der Gesellschaft vorschreibt, wurde damit ad absurdum geführt. Die Schlagrichtung des Feminismus ging gegen eine Diskriminierung von Frauen mit sogenannten “natürlichen” Beweisen. Grundlage dieser Argumentation ist das Humsche Diktum, dass aus dem Sein kein Sollen abgeleitet werden kann. Anders ausgedrückt: aus Tatsachenaussagen folgen keine Werturteile.
Umso erstaunter war ich daher, dass einige der anwesenden Feministinnen, darunter auch Juristinnen, sich auf ungenannte Studien beriefen, wonach Frauen z. B. mehr Empathie besäßen und daher für “Führungspositionen” geeigneter als Männer wären. Jede der Diskutantinnen berief sich auf “wissenschaftliche” Studien, keine nannte aber auch nur eine. Vielleicht hätte sich eine der Feministinnen die neurowissenschaftlichen Experimente zur Empathie von Manfred Spitzer anschauen sollen. Dieser hatte in der Tat festgestellt, dass Empathie (ganz allgemein “Einfühlungsvermögen”) bei Frauen und Männern nicht gleichermaßen vorhanden sind. Männer sind, so zeigen Spitzers Studien, empathischer als Frauen. Dies ist nun aber kein Gegenbeweis, dass Männer die besseren Führungsqualitäten haben, sondern zeigt wie haltlos die Art des Arguments ist.
In einer Art ontologischer Umkehrung benützen nun Frauen diesselben Argumente wie einst die Männer, die das andere Geschlecht mit pseudo-wissenschaftlichen Argumenten gesellschaftlich ausgegrenzt bzw. begrenzt haben. Das Zuordnen von “natürlichen” Fähigkeiten, die dem Mensch (weiblich oder männlich) automatische eine bestimmte gesellschaftliche Position zuweisen, ist in diesem Sinne ein Anti-Humsches Konzept. Aus dem Sein (in diesem Fall “Frau-Sein”) geht ein Sollen hervor. Nicht anders begründen heute noch amerikanische Rechtspopulisten die “White Supremacy”, indem sie behaupten, dass die weiße Hauptfarbe nicht nur ein natürlicher Unterschied sei, sondern auch eine Überlegenheit gegenüber andersfarbiger Menschen impliziert. Die Sklaverei ist nur eine der politischen Blüten, die eine solche falsche Argumentation nach sich ziehen kann. Ganz zu schweigen von den Wissenschaftlern im Dritten Reich, die den politischen Diskurs mit pseudowissenschaftlichen Beweisen untermauerten. Lavaters Theorie der “Physiognomik”, wonach man verschiedene Charatere anhand der Gesichtszüge und Körperformen erkennen kann, kulminierte in den Laboren der Wissenschaftler zur Hochglanztheorie einer menschenverachtenden “Herrenrassen”-Ideologie. Einen Einblick in dieses Denken liefert das vorzügliche Buch von Paula Diehl, “Macht, Mythos, Utopie: die Körperbilder der SS-Männer”.
Es wäre allerdings verkehrt, den ontologische Ansatz einiger Feministinnen, die nun anstatt eines “Herren-Geschlechts” ein “dominierendes Frauen-Geschlecht” wünschen und sich auf sogenannte wissenschaftliche Fakten berufen, zu verallgemeinern und die gesamte Gender-Bewegung darauf zurückzuführen. Die meisten Philosophinnen, die diesen Namen ganz unabhängig ihres Geschlechts verdienen, würden niemals ein derartiges natürliches Primat eines Geschlechts unterschreiben. Dass nun aber einige Feministinnen dennoch diesselbe Dogmatik verwenden wie ihr geschlechtlicher Gegenpart, die gerne eine partriachale Gesellschaftsform hätten, läßt erkennen – wenn man der feministischen Bewegung einen hegelschen Entwicklungsgedanken andichtet – dass der Feminismus aus der Opposition zum patriarchalen Gesellschaftssystem nun zu sich selbst zurückgekehrt ist, ohne jedoch seine Entwicklungsstufen in einer in sich ruhenden Einheit vermittelt zu haben. Es ist als ob das patriarchale Gesellschaftssystem nur eine neue Wendung der Existenz gefunden hat: sei ein Mann im “Frau-Sein”. Die Revolution, die der ontologische Feminismus skizziert, ist eine Umkehrung der Vorzeichen, die Gleichung bleibt gleich. Die Machtverhältnisse in der Gesellschaft begründen sich in einem Dogma. Pseudowissenschaftliche Erkenntnisse stellen die Natur an den Anfang der Ethik. Was hierbei vergessen wird, ist der Ruf der Aufklärung, das Prinzip der Freiheit des Individuums, dessen Rechte und Pflichten eben nicht aus seiner Natürlichkeit abgeleitet werden. Ebenso wenig wie die Hautfarbe, darf das Geschlecht unsere Rechte und Pflichten in der Gesellschaft bestimmen – wenn wir eine freiheitliche Form der Gesellschaft anstreben.
Am erschreckendsten ist nicht der Diskurs, der laut für Aufregung sorgt, sondern ist derjenige, der stillschweigend hingenommen wird. Wie leichtfertig heute politische Gruppierungen in diese totalitäre Fahrwasser geraten, kann man nicht nur am Beispiel dieser Feministinnen sehen. Die Gentechnologie oder die moderne Hirnforschung bieten hervorragende Ansätze mit denen aus dem Sein zum Sollen übergegangen werden soll. Der Autor hat hier Hume zurecht benannt. Von Humes Theorie hätte ich gern ein bißchen mehr erfahren.
In Deutschland hat man gelernt auf “Hakenkreuze” und Nazisymbole zu reagieren. Das geschieht reflexartig. In den Medien braucht nur jemand eine falsche Geste zu machen, schon sägt man ihn in der Presse entzwei. Ändert sich aber die Symbolik, verschwinden die Hakenkreuze für ein anderes Banner, dann schluckt der Deutsche alles brav und hält sich für fortschrittlich.
Greetings from Chicago
Die Strategie deutscher Feministinnen ging nicht auf. Männer sollen zu Hause bleiben, gleiche Rechte, aber keine gleiche Pflichten, Frauen mit Zwang in die Führung auch wenn sie gar nicht qualifiziert sind. Das ganze böse Männersystem soll umgekrempelt werden. Dass die Feministinnen genau wie früher die Männerlobby (wenn es die gibt) ebenso diskriminierend sind, das merken sie gar nicht. Sieht man sich die Geburtenraten an, so steht es schlecht um Deutschland. Wenn es ginge, dann würden deutsche Feministinnen auch Männer zum Kinderkriegen zwingen. Was der deutsche Feminismus nicht anerkennt, ist dass die Befreiung der Frau auf gesetzlicher Ebene erreicht worden ist. Jetzt geht es nur noch darum eine Bewegung am Leben zu erhalten, die ihr Ziel schon erreicht hat. Es geht um Posten und um die verzweiflete Mühe die neue Generation junger Frauen davon abzuhalten, ihren Weg zu gehen. Und dieser Weg ist nicht unbedingt der Weg, der den Feministinnen gefällt. Brauchen wir noch Feministinnen? In Deutschland, ein klares Nein.
Vielleicht noch ein paar Frauen, die als Bürger zu kurz gekommen sind und die jetzt ihr “Frausein” als Qualitätsmerkmal an den Mann bringen wollen.
Kommentar gelöscht. Bitte keine beleidigenden Artikel. Auch wenn Sie die Gender-Politic grundsätzlich in Frage stellen, verdienen Philosophinnen wie Judith Butler keine beleidigenden Kommentare. Argumentieren Sie und lesen Sie vor allem zuerst J. Butler.
Meine Kritik richtet sich gegen eine Inanspruchnahme einiger Interessengruppen, die das “Geschlecht”, also angeborene Eigenschaften dazu nutzen wollen, um ihre gesellschaftliche Stellung durch Zwang zu verbessern. Sie argumentieren analog zu Rassisten, die die weiße Rasse mit Zwang durchsetzen wollen.
J. Butler legt vor allem darauf wert, dass die sexuelle Ausrichtung nichts Angeborenes ist, sondern auf eine Fundamentalerfahrung zurückzuführen ist. J. Butler unterschriebe niemals, dass die Frau an sich ein besseres Wesen ist als ein Mann. Solchen Unsinn kann man nur von unreflektierten Feministinnen vernehmen, die auch keine Ahnung haben, was für Schaden Ihre Art zu Denken schon angerichtet hat.