Persönliches

Christian Buder on Facebook

Wie man wird, was man ist:

Geboren wurde ich 1968. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium studierte ich Philosophie und Neue Deutsche Literatur in Marburg. In Marburg stieß ich dann auf die Philosophie Jacques Derridas. 1998 ging ich dann nach Frankreich, um dort bei Jacques Derrida zu studieren. Ende 2007 promovierte ich zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über die “Philosophie der Zeit in Hegels Werk”.

Nach unterschiedlichen Tätigkeiten als freier Dozent in Paris und Aix-Marseille und einem Post-Doc-Stipendium an der University of Chicago , lebe und arbeite ich heute in Berlin.

Als ich für diese Internetseite die Rubrik Persönliches schrieb, hatte ich plötzlich keine Ahnung mehr, was Persönliches bedeuten soll. Über sich selbst schreiben? Heißt dies, dass ich die Schulen aufführe, die ich besucht habe, mein Studium, kurzum der handelsübliche Lebenslauf, die man als abgeschmackte Plakette mit sich schleppt und die man bei Bewerbungsgesprächen hervorholt?  Dort steht dann nach Jahreszahlen geordnet wie das Leben verlaufen ist, was wichtig war und aus den beruflichen Zielen und Interessen schließt man dann auf die Persönlichkeit eines Menschen. Aber sind die beruflichen Ziele und Tätigkeiten oder das Studium die Bruchstellen, die uns zu dem machen, was wir sind? Wenn ich heute mein bisheriges Leben betrachte und versuche es als Geschichte zu erzählen, natürlich nach Wichtigkeit, dann ergibt sich eine ganz andere Prägung meiner Persönlichkeit und meines Denkens heute. Welche Ereignisse und welche Menschen haben mich in meinem Leben entscheidend beeinflusst und mich auf den Weg geführt, den ich heute gehe?

Wenn ich über Persönliches schreibe, wenn ich mich meinem innersten Wesen annähere, so schreibe ich nicht über etwas Bekanntes, sondern ich betrete eine fremde Welt. Der Reflexion über sich selbst ist keine Beschreibung von etwas Altvertrautem, über das man ein Wissen hat, sondern es ist die Annäherung eines dunklen Kerns, der sich unserem eigenen Wissen entzieht. Wie vermeidet man nun aber, dass man aus sich selbst eine Phantasiefigur erfindet, die mit dem eigenen Wesen gar nichts zu tun hat? Gar nicht. Man kann es nicht vermeiden. Man kann aber auch nicht die Zweifel vermeiden, die uns verfolgen, wenn das Phantasiegebilde sich nicht mit unserer Lebenserfahrung, den Ereignissen und vor allem der Bewertung dieser Ereignisse vertragen will.

Ebenso hoffnungslos ist der Versuch, die genauen Ereignisse festzulegen, die uns am meisten geprägt haben. Es gibt kein rundes abgeschlossenes Bild von uns selbst, denn selbst die Reflexion über uns selbst verändert unsere Geschichte und unser Denken über uns selbst. Wir denken uns aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit. Anders gesagt konstruieren wir unsere Geschichte, die wir zwar erlebt haben, deren Bedeutung sich aber erst dann entschlüsselt, wenn wir aus unser eigenen Zukunft an diesen Punkt zurückkehren.

Die Erlebnisse, die ich vor fünf oder sechs Jahren durchlebte, entwickelten erst jetzt im Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ihre Wirkung.

Welche Erlebnisse schreiben sich heute in meine eigene Geschichte? Welchen Anteil haben sie an meiner Persönlichkeit. Genau läßt sich dies nicht bestimmen. Mein halbjähriger Aufenthalt in Kolumbien, die Zeit in Villa de Leyva, die gefährlichen Ausflüge in den von der Guerilla kontrollierten Bergen von Boyaca und der Aufstieg auf den fast 6000 Meter hohen heiligen Berg, ein Tag in den Wolken. Dort in der Kälte, auf eine Felsplatte über dem unsichtbaren Abgrund, fasste ich Entscheidungen, die mein Leben die nächsten Jahre verändern sollten.

Mein Leben in Chicago, an der Universität, das merkwürdige Gefühl, dass der Campus Hyde Park nicht in die eigentliche gesellschaftliche Welt gehört. Dort begegnete ich Slavoj Zizek, der mich zu Lacan und zur Psychoanalyse brachte.

Die zehn Jahre in Paris kann ich nicht abschätzen, was sie aus mir gemacht haben.  Sie waren nur wichtig. Jacques Derrida hat mir dort das Philosophieren gelernt und den Mut, selbst zu denken. In einem persönlichen Gespräch sagte er zu mir, dass ich mit wachsender Freiheit die Einsamkeit der Texte schätzen lernen werde. Ich hoffe, dass der Dialog zu Derrida nicht enden wird, selbst nach seinem unerwarteten frühen Tod. Vielleicht habe ich dies aus seiner Philosophie gelernt. Die Kraft der Texte.

Wie unlogisch oft Lebenswege sind, zeigt sich, an meinem Interesse am Philosophen Hegel. Anfangs  war Hegels Philosophie für mich nur eine Logik ohne Logik. Ein ontologisches Versprechen, bei dem das Versprechen selbst die Einlösung sein sollte. Wer sich jedoch einmal auf Hegels Logik eingelassen hat, erahnt zu welchen  geistigen Leistungen der Mensch fähig ist. Hegel war der Einstein des Geistes. Nur war Hegels Anspruch größer. Er beschränkte sich nicht nur auf die Erscheinungen in der Natur. Natur und Geist, die Dinge und unsere Gedanken sowie geistigen Errungenschaften (wie Recht, Kultur, Kunst etc.) sind in einer Welt und gehen aus einem Prinzip hervor. Die Logik der Welt war eine Logik, die Hegel an den Anfang der Wissenschaften stellte. Die Welt ist denkbar. Es gibt für Hegel nichts, was nicht vernünftig ist, vorausgesetzt, man sieht die Welt vernünftig an. Diese Idee, dass die gedankliche Matrix des menschlichen Geistes auch in einer umfassenden Struktur des Universums wiederzufinden sein muss, hat eine religiöse Tragweite. Je weiter die Wissenschaften fortschreiten, sich entfalten, desto näher rückt der menschliche Geist dem universellen Plan. Hegel ist davon überzeugt, dass es so etwas wie eine Entwicklung in den Wissenschaften gibt. Und diese Entwicklung ist verbunden mit einem globalen Bewusstsein, das die Menschen als Gemeinschaft umfasst. Ob ein einzelner Mensch jemals dieses Wissen in sich vereinen kann, ist fraglich. Ein Menschenleben ist einfach zu kurz.

Derrida erinnerte in Hegels Denken wieder an den Denker selbst. Hegel, der Denker des Absoluten stößt in seiner Entfaltung des Denkens auf eine innere Grenze. Auf sich selbst: das denkende Subjekt.  In der Quantentheorie ist es der Beobachter selbst, der den Ausgang des Experiments beeinflusst, so dass  die Beobachtung oder die Erkenntnis selbst immer ein Unberechenbares bleibt.

Womit beginnt man also, wenn man zu denken beginnt? Bei sich selbst. Und wie erfährt man etwas über das Selbst, bei dem man beginnt? Beim Anderen. Und was ist nun der Andere für mich? Er ist der blinde Fleck, in dem ich mich versuche wiederzufinden.

Diesen Anfang im Anderen muss jeder für sich selbst finden.