Persönliches
Wie man wird, was man ist:
Geboren wurde ich 1968. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium studierte ich Philosophie und Neue Deutsche Literatur in Marburg. In Marburg stieß ich dann auf die Philosophie Jacques Derridas. 1998 ging ich dann nach Frankreich, um dort bei Jacques Derrida zu studieren. Ende 2007 promovierte ich zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über die “Philosophie der Zeit in Hegels Werk”.
Nach unterschiedlichen Tätigkeiten als freier Dozent in Chicago, Paris und Aix-Marseille, lebe und arbeite ich heute in Berlin.
Als ich für diese Internetseite die Rubrik Persönliches schrieb, hatte ich plötzlich keine Ahnung mehr, was Persönliches bedeuten soll. Über sich selbst schreiben? Heißt dies, dass ich die Schulen aufführe, die ich besucht habe, mein Studium, kurzum der handelsübliche Lebenslauf, die man als abgeschmackte Plakette mit sich schleppt und die man bei Bewerbungsgesprächen hervorholt? Dort steht dann nach Jahreszahlen geordnet wie das Leben verlaufen ist, was wichtig war und aus den beruflichen Zielen und Interessen schließt man dann auf die Persönlichkeit eines Menschen. Aber sind die beruflichen Ziele und Tätigkeiten oder das Studium die Bruchstellen, die uns zu dem machen, was wir sind? Wenn ich heute mein bisheriges Leben betrachte und versuche es als Geschichte zu erzählen, natürlich nach Wichtigkeit, dann ergibt sich eine ganz andere Prägung meiner Persönlichkeit und meines Denkens heute. Welche Ereignisse und welche Menschen haben mich in meinem Leben entscheidend beeinflusst und mich auf den Weg geführt, den ich heute gehe?
Den Fehler, den viele Menschen machen, wenn sie von ihrem Lebenslauf erzählen, ist, dass sie bei ihrer hypothetischen Geburt beginnen. Oft ist dies das Abitur oder das Ende der Schulzeit. Doch die Vorgehensweise scheint mir unsinnig, da meine Geburt oder die Schulzeit der Erinnerungspunkt in meinem Leben ist, der am weitesten von mir weg ist. Ist es nicht authentischer mit dem zu beginnen, was man heute macht und geht dann Monat für Monat, Jahr für Jahr in seine Vergangenheit zurück? Wenn ich über Persönliches schreibe, wenn ich mich meinem innersten Wesen annähere, so schreibe ich nicht über etwas Bekanntes, sondern ich betrete eine fremde Welt. Der Reflexion über sich selbst ist keine Beschreibung von etwas Altvertrautem, über das man ein Wissen hat, sondern es ist die Annäherung eines dunklen Kerns, der sich unserem eigenen Wissen entzieht. Wie vermeidet man nun aber, dass man aus sich selbst eine Phantasiefigur erfindet, die mit dem eigenen Wesen gar nichts zu tun hat? Gar nicht. Man kann es nicht vermeiden. Man kann aber auch nicht die Zweifel vermeiden, die uns verfolgen, wenn das Phantasiegebilde sich nicht mit unserer Lebenserfahrung, den Ereignissen und vor allem der Bewertung dieser Ereignisse vertragen will.
Ebenso hoffnungslos ist der Versuch, die genauen Ereignisse festzulegen, die uns am meisten geprägt haben. Es gibt kein rundes abgeschlossenes Bild von uns selbst, denn selbst die Reflexion über uns selbst verändert unsere Geschichte und unser Denken über uns selbst. Wir denken uns aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit. Anders gesagt konstruieren wir unsere Geschichte, die wir zwar erlebt haben, deren Bedeutung sich aber erst dann entschlüsselt, wenn wir aus unser eigenen Zukunft an diesen Punkt zurückkehren.
Die Erlebnisse, die ich vor fünf oder sechs Jahren durchlebte, entwickelten erst jetzt im Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ihre Wirkung.
Welche Erlebnisse schreiben sich heute in meine eigene Geschichte? Welchen Anteil haben sie an meiner Persönlichkeit. Genau läßt sich dies nicht bestimmen. Mein halbjähriger Aufenthalt in Kolumbien, die Zeit in Villa de Leyva, die gefährlichen Ausflüge in den von der Guerilla kontrollierten Bergen von Boyaca und der Aufstieg auf den fast 6000 Meter hohen heiligen Berg, ein Tag in den Wolken. Dort in der Kälte, auf eine Felsplatte über dem unsichtbaren Abgrund, fasste ich Entscheidungen, die mein Leben die nächsten Jahre verändern sollten.
Mein Leben in Chicago, an der Universität, das merkwürdige Gefühl, dass der Campus Hyde Park nicht in die eigentliche gesellschaftliche Welt gehört. Dort begegnete ich Slavoj Zizek, der mich zu Lacan und zur Psychoanalyse brachte.
Die zehn Jahre in Paris kann ich nicht abschätzen, was sie aus mir gemacht haben. Jacques Derrida hat mir dort das Philosophieren gelernt und den Mut, selbst zu denken, was heute keine Selbstverständlichkeit ist. Er sagte zu mir, dass ich mit wachsender Freiheit die Einsamkeit der Texte schätzen lernen werde. Ich hoffe, dass der Dialog zu Derrida nicht enden wird, selbst nach dem Tod Derridas. Vielleicht habe ich dies aus seiner Philosophie gelernt. Die Kraft der Texte.
Paris war und ist für mich immer noch eine Stadt, die mich erzogen hat. Es gab dort Brüche, mein Leben lag dort in Scherben und dort baute ich es wieder auf. Einer der schönsten Momente war, dass ich dort Félicie kennengelernt habe.
Wie unlogisch oft Lebenswege sind, zeigt sich, an meinem Interesse am Philosophen Hegel. Mein Philosophielehrer in Marburg W. Zimmerli versuchte mir Hegels Logik nahezubringen. Ich erinnere mich noch genau an diese Sitzungen, weil ich nämlich fast nichts verstand. Hegels Logik war für mich eine Art Schlüssel, der das Versprechen beinhaltete, den menschlichen Geist, das Denken, die Geschichte der Menschheit zu verstehen. Nur zwischen mir und dem Schlüssel lagen Welten. Ich hatte das Glück, dass ich damals die richtigen Fragen stellte, die sich alle um den Sinn und Zweck der Philosophie für mein eigenes Leben drehten. Diese Fragen waren die Wegzehrung mit der ich mich an Hegels Hirn heranwagte. Damals ahnte ich noch nicht, dass Professor W. Zimmerli und sein Seminar “Hegels Logik als Logik” der Anlaß für meine spätere Dissertation über “Hegels Logik der Zeit “war. Und ich bin mir sicher, dass auch diese Differenz zwischen Neugier und Wissen, das in den philosophischen Texten der Alten wartete, mich Jacques Derrida näher brachten. Ihm verdanke ich, dass ich weiß, wo die eigene Philosophie zu beginnen hat.
Die Liste werde ich sicherlich noch fortsetzen, wenn ich Zeit habe…