Philosophie, Realität und Erfahrung
Jun 21st, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, PhilosophieEine Antwort auf die Frage:
„Hat die Philosophie überhaupt noch einen Wert heute? Als Wissenschaft des reinen Denkens schwebt sich doch im Zeitalter der empirischen Wissenschaften im luftleeren Raum, oder nicht?“
Dass Philosophie keine Erfahrungswissenschaft ist, das halte ich ebenfalls für zu weit gegriffen, denn ihre Sätze und Gegenstände sind sehr wohl aus der Erfahrung. Dass Philosophie sich nur auf Sätze bezieht, die scheinbar aus dem “reinen” Denken gewonnen werden, das ist ein alter Hut. Sieht man z. B. die Philosophie Kants an, so sind die Sätze wie “Raum und Zeit sind Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung” nur erst durch Erfahrung möglich. Es zeigt sich sogar noch weiter, dass Sätze, die apriori also vor aller Erfahrung gelten sollen, erst durch den Erfahrungsbegriff Sinn machen. Z. B. der Begriff des Raumes wird bei Kant durch die apriorische Gültigkeit der Geometrie bestimmt, ohne dass diese geometrischen Sätze analysiert werden, ob sie denn nicht auch erst “erfahren” werden müssen. Wer im Allgemeinen einen Hang zum Deutschen Idealismus hat, der sollte sich näher damit beschäftigen, denn es ist eine gute Erfahrung, wenn man merkt, dass “wahre Sätze” oder sogenannte “erste Gründe” auf sehr tönernen Füßen stehen. Vielleicht ist es aufschlussreicher, wenn man Denken selbst als Denkerfahrung bezeichnet. Philosophie ist in diesem Sinne dann weniger die verzweifelte Suche nach “Wahrheit”, sondern eine kritische Instanz mit der wir Menschen unsere Erfahrungen verstehen und in einen einheitlichen Zusammenhang bringen. Die Sätze und Kategorien, die unserem Denken zur Verfügung stehen, sind daher auch nicht feste und ewige Wahrheiten, die uns die Philosophie erst vorgeben muss, sondern Sätze, die sich auf einen bestimmten wissenschaftlichen Kontext beziehen. Wie wir also unsere Erfahrungswelt betrachten, das hängt auch davon ab, von welchem wissenschaftlichen Standpunkt wir dies tun. Kulturelle Einflüsse gestalten sowohl unser Denken als auch die Logik, die das Ergebnis einer Selbstreflexion ist und uns Aufschluss darüber geben soll, wie wir denkend funktionieren.
Sieht man Philosophie als geschlossene Wissenschaft, jenseits der Erfahrung und entbindet man sie aus jeglichem interdisziplinären Kontext, so darf man sich zu recht fragen, wozu eigentlich Philosophie. Wenn eine Wissenschaft sich abschließt gegenüber anderen Wissenschaften, so dies, weil sie eben kein Wissen mehr schafft.
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