Herostrat – Amok und Medien
Jun 20th, 2009 | By Christian Buder | Category: Essays, PsychologieDer älteste Fall eines Amokläufers ist uns aus der antiken Geschichte überliefert. Herostrat (Herostratos), der 356 v. Chr. den Artemistempel in Ephesos in Brand steckte, um berühmt zu werden. Doch so unterschiedlich die Motivationen von Selbstmordattentätern sind, so unbeschreiblich ihre Taten auch erscheinen mögen, sie fügen sich auch in das Bild einer modernen, medial verflochtenen Gesellschaft.
Als 1999 zwei Schüler in Colombine wahllos das Feuer auf ihre Kameraden eröffneten, hatten sie keine Forderungen, nahmen keine Geiseln, sondern töteten wahllos Menschen, mit denen sie keine persönliche Bindung hatten, die eine solche Tat hinreichend erklären könnte, sie löschten Menschen aus, die sie nicht kannten, deren Leben sie nicht interessierte. Am Ende töteten sie sich selbst. Im Fachjargon der Psychologen beschreibt man dies als „erweiterten Suizid.“ Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Mensch nicht nur sich selbst auslöschen will, sondern mit sich auch noch die Welt um ihn. Doch die psychologische Erklärung, die ihre Gründe in dem Individuum selbst sucht, verliert sich in der Benennung eines Tatbestandes, dessen Bedingungen weitgehend unbekannt bleiben.
Die Absichten der Selbstmordattentäter lassen sich nach psychologischen Kategorien zwar beschreiben, geben aber ein verfälschtes Bild ab, wenn man das gesellschaftliche Umfeld vor und nach einer solchen Tat nicht mit in Betracht zieht. Kann man überhaupt in einer solchen Tat einen Sinn erkennen? Hat ein solcher Wahn überhaupt Methode?
Weder der inszenierte Selbstmord noch die wahllose Tötung von Menschen geben einen direkten Aufschluss über die Hintergründe eines solchen Ereignisses. Richtet man allerdings das Augenmerk auf die Reaktion, die eine solche Tat hervorruft, spiegelt sich die Absicht der Täter spiegelverkehrt im Schockerlebnis der informierten Welt wider. „Amokläufer“ wie der terroristische Selbstmordattentäter inszenieren ihren blutigen Auftritt, auch wenn ihre Motive unterschiedlich sind, sie bereiten ihre Tat für die Augen eines noch unbekannten Publikums vor.
So haben die Täter von „Colombine“ (1999) oder der Täter von „Virginia Tech“ (2007) nicht ihre Familie ausgelöscht oder das Massaker in einem kleineren Kreis der Bekannten verübt. Dies hätte zu wenig Aufsehen erregt. Ihr Ziel war es, soviel Aufsehen wie möglich zu erregen, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten und dies heißt ins Licht der Medien – Fernsehen, Radio, Internet, Presse.
Medien sind ebenfalls in einem ständigen Kampf um Zuschauer bemüht, um Einschaltquoten, Absatzzahlen der Zeitschriften oder Clickzahlen einer Internetseite, so dass sie genau von jenen Ereignissen angezogen werden, die eine hohe Zuschauer- oder Leserzahl versprechen. So findet ein Familiendrama, bei dem ein Kind seine Familie mit der Waffe des Vaters erschießt gerade noch einmal Erwähnung im Lokalblatt einer regionalen Zeitung, vielleicht wird es noch im Radio erwähnt, im Fernsehen hat es, wenn überhaupt, nur Platz in einem Lokalkanal.
Um ein größeres Publikum anzusprechen, muss die Art des Verbrechens erstens blutig und der Opferkreis beträchtlich größer sein. Um die Aufmerksamkeit der Medien und damit die Anerkennung – wenn auch nur als Verursacher eines brutalen Verbrechens – der Öffentlichkeit zu erlangen, visiert sowohl der Terrorist als auch der Amokläufer entweder eine bekannte Persönlichkeit oder eine größere Anzahl von Menschen an. Die Tatsache, dass der Täter oft in keiner direkten Beziehung zu seinem Opfer steht, sie nicht kennt und das Motiv der Tötung nicht durch einen zwischenmenschlichen Konflikt hinreichend erklärt werden kann, verstärkt die traumatische Wirkung des Verbrechens und damit auch die Anziehungskraft, die von ihm ausgeht. Nichts ist so erschreckend, als ein Schrecken, der uns überwältigt und uns ohne Erklärung zurücklässt.
Als traumatisch bezeichnet man herkömmlich in der Psychologie eine Erfahrung, die sich dem Subjekt als unmittelbare Gefahr, als etwas Unvorhergesehenes und Unkontrollierbares aufdrängt. Die Zwangswiederholung ist eine der typischen Reaktionen des Traumatismus, durch die das Subjekt sich den Schrecken immer wieder vor Augen führt, um gegen diesen Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Man denke nur an die in Endlosschleifen sich wiederholenden Bilder des 11. September, die erst in ihrer medialen Inszenierung ihren eigentlichen Schrecken entfalten konnten.
Die Endlosschleife der traumatischen Erfahrung hat zur Folge, dass der Name oder das Ereignis selbst nicht als etwas Vergangenes und einmalig Geschehenes weggelegt werden kann. Es bleibt virulent, in den Medien, die selbst um Aufmerksamkeit buhlend, von solchen traumatischen Ereignissen angezogen werden. Wie medial diese Tötungen von Amokläufern inszeniert werden, zeigte sich, dass die oder der Täter ihre Tat ankündigten und sich selbst in Szene setzten. So schickte der Einzeltäter, der das Massaker an der „Virginia Tech“ Highschool begangen hatte, Videoaufzeichnungen an unterschiedliche Presseeinrichtungen. In diesen Aufzeichnungen richtete sich der Täter an einen anonymen Zuschauer. Der Inhalt seiner Erklärung spielt dabei eine untergeordnete Rolle, das Motiv ist die Erklärung selbst und ihre Veröffentlichung. Die Tat dient nur als Verstärker, um die Aufmerksamkeit der Medien, das heißt eines fiktiven Anderen, auf sich zu ziehen.
Die Tat erfüllt die Funktion eines Schreies – der Schrei eines kleinen Kindes, das die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, aber das sein Bedürfnis noch nicht formulieren kann. Die Bedeutung des Schreies ist einzig auf den Anderen ausgerichtet, das blanke Bedürfnis, dass dieser kommt. Inhaltlich ist in ihm nichts formuliert, es ist erst der kommende Andere, der dem Schrei seinen Inhalt gibt. Anders ausgedrückt geht die Antwort der Frage voraus. In diesem Sinne ist die Tat des Amokläufers der exzessive Ausdruck des Bedürfnisses nach Anerkennung, während der terroristische Attentäter an der Anerkennung eines Ideals interessiert ist.
Der Teufelskreis der traumatischen Erfahrung birgt in sich, dass sich die Opfer immer wieder aufs Neue das traumatische Erlebnis und sich damit ständig die Gefahr einer potientiellen Bedrohung vor Augen führen. Aber genau in dieser traumatischen Spirale, in der Medien die Rolle eines Multiplikators spielen, gewinnt sowohl der Terrorismus als auch der sich selbst inszenierende Attentäter an Kraft. Aus diesem Grund suchen der Terrorismus wie auch der Amok-Attentäter Ziele, die besonders die Medien anziehen, Ereignisse, über die niemand hinwegsehen kann. Die freie Berichterstattung ist in diesem psychosozialen Sinne nur noch bedingt frei, weil sie selbst zum Mittler solch traumatisierender Ereignisse werden. Für den Terrorismus noch mehr wie für den Amokläufer gilt es, die Öffentlichkeit in die Spirale einer zukünftigen Bedrohung zu stürzen. Die öffentliche Anerkennung und der Zwang, dass die Opfer in der Endlosschleife ihres eigenen Traumas, sich den Schrecken immer wieder vor Augen führen müssen, ist nicht nur, wie Derrida in seinem Buch „Philosophy in a Time of Terror“ formuliert, eine Verstärkung der „terroristischen Absicht“, sondern seine Bedingung.
Der Selbstmordattentäter mit terroristischem Hintergrund tritt allerdings hinter das Ideal, für das er sich opfert und sieht sich nur als Teil einer Gruppe, deren Mitglieder ebenfalls im Zeichen dieses Ideals agieren. Der Amokläufer sucht dagegen persönliche Anerkennung. Der Selbstmordattentäter mit terroristischem Hintergrund opfert sich und auch das Leben anderer Unbeteiligter, weil er glaubt, dass seiner Gruppe und ihrem Ideal Gehör vor der Welt verschafft wird.
Der exzessive Tötungsrausch eines Attentäters entspricht dem traumatischen Grad, der nötig ist, um von der Informationsmaschinerie der Medien wahrgenommen zu werden. Erst durch die exzessive Tat und ihrer In-Szene-Setzung wird die Tat zum traumatischen Ereignis für den „Anderen“. Amokläufer und Selbstmordattentäter mit terroristischem Hintergrund unterscheiden sich zwar in ihrer psychologischen Motivationsstruktur, doch haben beide gemeinsam, dass sie versuchen durch ihre Tat, in die mediale Öffentlichkeit vorzudringen.
Terrorismus wie er heute auftritt oder auch Amokattentäter gab es zwar bezogen auf ihre psychologische Motivation schon immer, die Bedingung ihrer Möglichkeit des exzessiven Auftretens solcher Taten, haben sie allerdings erst durch die internationale Vernetzung und Medienstruktur erhalten. Erst in der modernen Medienlandschaft wird ein traumatisches Ereignis wie ein Bombenanschlag oder das Massaker in einer Schule zu einem „événement majeur“ wie Derrida sagt, zu einem Großereignis, das sich in unser Bewusstsein drängt als etwas, das nicht wie jedes andere Ereignis einfach abgelegt und schließlich vergessen werden kann.
Terrorist wie Amokläufer benützen nicht nur moderne Vernetzungsstrukturen, sondern die mediale Vernetzung ist die Bedingung, dass solch exzessive, in Szene gesetzte Taten begangen werden.