Zu alt
Jan 26th, 2012 | By admin | Category: Neues
Wer heute eine Stellenanzeige liest, der findet in vielen Fällen Formulierungen wie “suchen jungen Mitarbeiter” oder “…zur Verjüngung unseres Teams”. Gefragt ist Jugendlichkeit. Wer jenseits der 50 ist und sich beruflich noch verändern will, stößt auf dem deutschen Arbeitsmarkt gegen eine Wand. Zu alt heißt es. Wer seinen Job mit 50 verliert, hat schlechte Karten. Man wurde über Bord gespült. Rettungsringe werden zwar vom Jobcenter hinterhergeworfen, aber nicht mit der Absicht, die über Bord gespülten wieder ins Boot zu holen. Es wird lediglich verhindert, dass sie untergehen. In den meisten Fällen läßt man sie treiben – bis sie außer Sichtweite sind.
Für die Betroffenen ist dies eine Situation, die oft schwer verständlich ist. Sie befinden sich im besten Alter, sind sportlich, ernährungsbewusst und haben vor allem Lebenserfahrung. Von gebrechlichen Greisen kann nicht die Rede sein. Dennoch finden sie auf dem Arbeitsmarkt eine andere Realität vor. Aber genau zwischen der subjektiven Realität des Einzelnen und der von der Gesellschaft “verordneten” Realität gibt es eine Kluft. Es wird klar, dass Realität nichts ist, was vorgefunden wird, sondern es ist das, was als “Unvermeidbar” gedeutet wird. So wird der 50er gar nicht mit seiner Realität, in der er sich recht wohl und leistungsfähig fühlt, konfrontiert, sondern mit einer Vorstellung, die ihm gesellschaftlich verordnet wird. Dies führt dazu, dass der 50er sich erst dann “alt” fühlt, wenn er dies gesellschaftlich erfährt. Man drückt den dynamischen 50er praktisch den Stock in die Hand, obwohl sie noch laufen, rennen, joggen und was weiß sonst noch was können. Paradox ist nun, dass nicht der “Alte” einen Stock braucht, sondern der Stock den “Alten” macht. Mit dem Ergebnis, dass ein arbeitsloser 50er sich an einem Stock festhält, den er gar nicht braucht und letztendlich sich in seine Rolle als gebrechlicher Alter einfügen muss. Schließlich erhält er ja keine anderen Signale aus der jugendlich zentrierten Gesellschaft. Frustration und Krankheit sind die Folge.
Es braucht nicht viele Coaching-Sitzungen, um dem Betroffenen diesen Mechanismus bewusst zu machen. Sie kommen mit einem Stock (um dieses Bild noch einmal zu verwenden) und stellen bald fest, dass sie diesen nur mitführen, weil es halt so ist. Sicherlich ist es ein Erfolg, wenn der Betroffene den “Stock” nicht mehr braucht und wieder an Selbstbewusstsein gewinnt. Gegen die gesellschaftliche Realität ist doch kein Kraut gewachsen. Auch kein Coaching. Ein Vorwurf, der ebenso am “Stock geht”. Denn wer keinen Stock mehr benötigt, wer sich nicht von fixen Vorstellungen eines Jugendwahns unterkriegen läßt, der tritt auch anders in der Gesellschaft auf. Für diese ist auch der Arbeitsmarkt keine Wand, sondern eine offene Tür. Auf der anderen Seite sind die selbstbewussten 50er und älter ein großer Teil der Gesellschaft. Sie werden bald die Mehrheit ausmachen. Die Frage ist, ob sie sich nun wegen ihres Alters schuldig fühlen oder ob sie selbstbewusst die Realität bestimmen, die sie dann auch gesellschaftlich vorfinden möchten. Denn gesellschaftliche Normen und Trends sind keine festgeschriebenen Gesetze. Sie verändern sich und es beginnt immer beim Einzelnen.
Glauben Sie nicht daran? Nun, dann fragen Sie sich doch, ob man einen Steven Spielberg oder auch weniger bekannte Filmregisseure wegen ihres Alters von der Filmproduktion abzieht? Nein, sicherlich nicht. Sie machen das, was sie am Besten können und sie machen es solange wie sie es können. Diese Leute reifen in ihrem Spätwerk. Man spricht nicht von einem “Zu-Spät-Werk”. Es ist nicht zu spät und sie sind nicht zu alt. Dies sollte auch für andere Berufe gelten. Denken Sie daran, wenn Ihnen jemand ausreden will, den Job zu ändern oder sich als 50 oder 60er zu bewerben.
(Bild: Von Marc Ricasens)